Atomkraft als Brückentechnologie: Der Weg zu Klimaneutralität?

Atomkraft als Brückentechnologie für die Energiewende?
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Ist Atomkraft eine grüne Energiequelle und kann damit zum Klimaschutz beitragen? Für Deutschland nicht. Der Atomausstieg ist hierzulande eine klare Sache und zum Ende des Jahres 2022 auch abgeschlossen.

Ein Grund mehr, weshalb sich deutsche Politiker aktuell gegen die Einstufung von Atomkraft als Brückentechnologie der EU-Kommission aussprechen.

Atomkraft als Brückentechnologie?

Die Energiepreise steigen und die Klimaschutzziele werden mit den aktuellen Maßnahmen nicht erreicht. Was eigentlich als Auslaufmodell galt, ist als Brückentechnologie nun im Fokus öffentlicher Diskussionen: Atomenergie. Die EU-Kommission hat bekannt gegeben, dass Atomkraft als nachhaltige Energiequelle eingestuft werden soll. Allen voran Frankreich, die traditionell auf Kernkraft setzen.

Atomkraftwerke anschalten, Kohlekraftwerke ausschalten – das ist, angesichts des Klimawandels, eine verlockende Idee um die CO2-Emissionen zu senken. Eine Vorgehensweise, die aber auch durchaus Risiken birgt. Mit Tschernobyl und Fukushima hat die Atomkraft mit zwei Katastrophen in den vergangen 35 Jahren bewiesen, wie gefährlich die Energie ist.

Aber eine andere Art Energie zu gewinnen, birgt noch mehr Risiken: Durch fossile Brennstoffe, die den Klimawandel negativ beeinflussen und somit alle Folgen dessen beschleunigen.

Schon gewusst?
Der Anteil von emissionsarmen Stromproduzenten hat sich weltweit in den letzten 20 Jahren kaum verändert. Zwar hat sich die Energiegewinnung aus nachhaltigen Energiequellen verdoppelt, aber ebenso der Bedarf bzw. Verbrauch an Strom. Und dieser wird durch die Nutzung von E-Autos künftig weiter steigen.

Brauchen wir Atomkraft, um den Klimawandel zu stoppen?

Fakt ist: Das aktuelle Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien reicht nicht aus. Und die Beschleunigung ist auch mit Förderungen oder politischen Anreizen begrenzt. Und solange Energie nicht zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden kann, wird weiterhin Kohle, Öl sowie Gas verbrannt, was klimaschädliche Emissionen verursacht.

Deshalb der Vorschlag der EU-Kommission bis zur hundertprozentig nachhaltigen Stromgewinnung auf Atomkraft als Brückentechnologie zu setzen.

Schon gewusst?
Vor 20 Jahren wurde der Atomausstieg in Deutschland beschlossen. Wären zur gleichen Zeit die Rahmenbedingungen für eine konsequente Energiewende geschaffen worden, hätten wir heute vielleicht bereits eine hundertprozentig nachhaltige Energiegewinnung aus Wind, Sonne, Wasser und Geothermie.

Kann Atomkraft überhaupt zur Energiewende beitragen?

Es gibt mehrere Gründe, warum laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Atomenergie keine Lösung für die Klimakrise sein kann. Am 27. Oktober 2021 haben sie in einer Studie den Beitrag der Kernkraft an der Energiewende klar verneint. Diese ist zu

  • teuer,
  • risikoreich
  • und langsam ausbaufähig.

Laut dem Wissenschaftsteam um Ben Wealer und Claudia Kemfert, gebe die Investitionen in Atomkraft und Gas ein „falsches Signal“. Auch ein Mix aus erneuerbaren Energien und Atomkraft ist keine Lösung, da die Investitionen in Kernkraftwerke den Ausbau erneuerbaren Energien im Wege stehen würden. Außerdem belegt die Studie, dass mit der Atomkraft als Brückentechnologie die Treibhausgasemission nicht wesentlich verringert werden.

Denn Atomkraftwerke sind nicht frei von Emissionen. Zwar entstehen in der Energiegewinnung kaum Treibhausgase, stattdessen aber in der Produktion der Atomkraftwerke, beim Abbau von Uran, genauso wie beim jahrelangen Rückbau der Kraftwerke.

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Das Problem mit Atommüll-Endlagern

Auch nach 70 Jahren Atomkraft ist keine Lösung für das Müllproblem mit radioaktiven Altlasten gefunden wurden. Wohin mit dem Atommüll?

Das sollen sich Anlagenbetreiber überlegen: Wer künftig Atomkraftanlagen betreibt, muss nach dem Entwurf der Brüssler Behörde bis 2050 einen konkreten Plan für den Betrieb eines hoch radioaktiven Endabfalllagers vorlegen. Weiter ist im Vorschlag vermerkt, dass alle Atomkraftwerke, die bis 2045 genehmigt wurden unter die Taxonomieverordung fallen könnten und dementsprechend der Bau gefördert werden soll.

Schon gewusst?
Der radioaktive Müll wird noch eine Million Jahre umwelt- und gesundheitsschädlich strahlen, sodass 30.000 Generationen mit dem Atommüll zu kämpfen haben werden.

Mit neuen Technologien soll das Problem der Endmülllagerung gelöst werden. Deutsche Wissenschaftler haben beispielsweise den sogenannten „Dual Fluid Reaktor“ entwickelt. In der Theorie könnte dieser, neben den 5 Prozent Atommüll, die von Atomkraftwerken verbrannt werden, aus den restlichen Stoffen Energie gewinnen.

Was die endgültige Lagerung des Atommülls betrifft, würde diese Technologie das Problem auch nicht endgültig lösen, sondern nur verzögern.

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Atomkraft in der EU

Derzeit erfolgt die Energiegewinnung in Deutschland noch fast zur Hälfte aus fossilen Energieträgern. Da sind Frankreich und Schweden beispielsweise besser aufgestellt: Fossile Energieträger machen in Frankreich nur knapp 10 Prozent, in Schweden sogar weniger als 2 Prozent der Energiegewinnung aus. Dafür liegt der Fokus in beiden Ländern auf Atomkraft, ohne Aussicht auf einem Atomausstieg. Stattdessen werden in Schweden neue, leistungsfähigere Atomkraftwerke gebaut, um alte abzulösen.

Frankreich ist sehr abhängig von der Kernenergie, deshalb ist es dort schwieriger aus der Atomkraft auszusteigen und den Ausbau erneuerbarer Energien angemessen voranzubringen. Zwar steigt dort auch der Anteil an nachhaltiger Energiegewinnung, dennoch nicht im gleichen Maße, wie in Deutschland.

Insgesamt setzen sich 10 Mitgliedsstaaten der EU dafür ein, Atomkraft als „grün“ einzustufen, da daran geglaubt wird, dass Atomkraft eine langfristige Lösung zur Energieunabhängigkeit sein kann. Auch der EU-Gipfel sieht die Erreichung der Klimaziele bis 2050 nicht ohne Atomenergie.

Deutschlands Rolle in der Atomkraft-Diskussion

Deutschland gehört jedoch nicht zu den Befürwortern unter den EU-Mitgliedsstaaten. Ebenso wie Österreich positionieren sie sich als Gegner des „grünen Atomstroms“. Auch Dänemark, Portugal, Spanien, Griechenland und weitere Länder wollen künftig nicht auf Atomkraft bauen und sehen keinen Zusammenhang zwischen den steigendenden Energiepreisen und der Atomkraft als Brückentechnologie.

Bundeskanzler Olaf Scholz von der SPD betont nochmal, dass Deutschland 2022 das letzte Atomkraftwerk abschalten wird und verwies darauf, dass die Entscheidung, wie emissionsfrei Energie gewonnen wird, bei den Mitgliedsländern selbst liege.

Allerdings ist die Aussicht, dass Deutschland den Vorstoß der EU-Kommission kippen kann, aktuell gering.

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