Corporate PPA in der Praxis: Physische Integration von Grünstrom in Unternehmen

Corporate PPA in der Praxis: Physische Integration von Grünstrom in Unternehmen
Fotocredits: Scharfsinn86 / GettyImages

Corporate Power Purchase Agreements werden mehr und mehr zu einem zentralen Werkzeug für Multi-Site-Unternehmen, um die eigene Grünstromversorgung dauerhaft zu sichern und kalkulierbar zu machen.

Das Prinzip dahinter ist simpel: Ein langfristiger Stromliefervertrag direkt zwischen dem Unternehmen und dem Entwickler oder Betreiber einer Erneuerbare-Energien-Anlage (wie einem Wind- oder Solarpark). Damit sichert sich das Unternehmen grünen Strom aus einer konkreten Erzeugungsquelle, zu fest vereinbarten, kalkulierbaren Konditionen.

Die Abwicklung, gerade eines sogenannten physischen PPAs, ist jedoch nicht zu unterschätzen, denn entscheidend ist, dass der wetterabhängig erzeugte Grünstrom lückenlos und sicher an den Unternehmensstandorten ankommt.

Wie genau dies abläuft, haben wir im folgenden Artikel zusammen mit Jan-Oliver Heidrich, Geschäftsführer EHA, anhand eines aktuellen Cases beleuchtet.

Das Wichtigste in Kürze

  • Langfristige Planungssicherheit für dm: Mit dem Solarpark Kolitzheim-Herlheim sichert sich dm-drogerie markt über zehn Jahre Grünstrom aus einer 11-Megawattpeak-Anlage und profitiert von einer verlässlichen, planbaren Grünstromversorgung.
  • Physische 1:1-Integration durch EHA: Wir übernehmen die gesamte energiewirtschaftliche Steuerung – von der Konsolidierung aller Filial-Verbrauchsdaten über die Bündelung im Stromportfolio bis hin zur marktbasierten Beschaffung benötigter Restmengen.

Der Case: dm und der Solarpark Kolitzheim-Herlheim

Im Juli 2026 haben wir als EHA mit der Energiekontor AG, einer der führenden deutschen Projektentwickler und Betreiber von Wind- und Solarparks, und dm, ein führender Drogeriemarkt und Omnichannel-Anbieter für Drogerieprodukte in Deutschland und Europa, ein langfristiges Power Purchase Agreement für den geplanten Solarpark Kolitzheim-Herlheim vereinbart.

Wir sind hier zukünftig für die energiewirtschaftliche Strukturierung des CPPAs verantwortlich. Das Ziel: Den Solarstrom so in das bestehende Portfolio von dm zu integrieren, dass die über 2.150 deutschen dm-Märkte auch mit den zusätzlichen erneuerbaren Erzeugungskapazitäten versorgt werden.

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Die Besonderheit: Ein physisches Offsite PPA

Anstatt in dieser Zusammenarbeit auf einen rein finanziellen Vertrag zur Preisabsicherung zu setzen (wie bei einem virtuellen PPA), erhalten die dm-Märkte bei diesem Modell exakt die Strommenge, die von der Erneuerbaren Anlage erzeugt wird.

Wir haben bei diesem Modell den großen Vorteil, einen direkten Bezug zwischen dem physischen Verbrauch des Kunden und der physischen Produktion der Anlage herzustellen. Anders als bei einem virtuellen PPA, wo es oft gar keinen zeitlichen oder räumlichen Zusammenhang gibt, wird hier zeitgleich genau die Strommenge vom Kunden verbraucht, die durch das PPA produziert wird. Zwar fließt physikalisch nicht exakt dasselbe Elektron vom Solarpark in die Steckdose der Filiale – aber bilanziell werden exakt die Elektronen aus dem Netz entnommen, die zuvor eingespeist wurden.

Jan-Oliver Heidrich, Geschäftsführer EHA

„Offsite“ bedeutet dabei schlicht, dass die Anlage den Strom über das öffentliche Stromnetz liefert und sich beispielsweise nicht lokal auf einem Filialdach (Onsite) befindet.

Dieser physikalische Transport über das öffentliche Netz, gepaart mit der Notwendigkeit, Einspeisung und Entnahme stets abzugleichen, ist die zentrale Herausforderung und operativen Aufgabe von EHA im Rahmen dieses CPPAs.

Denn im Gegensatz zur konventionellen Energiewelt, in der steuerbare Kraftwerke dem Verbrauch exakt folgen, ist in der erneuerbaren Welt die volatile, wetterabhängige Stromproduktion die treibende Steuerungsgröße. Um diese volatile Erzeugung zu managen und lückenlos für das Unternehmen nutzbar zu machen, bedarf es im Hintergrund einer hochpräzisen Steuerung.

Der EHA-Standpunkt: Warum wir unsere Meinung zur nationalen CO₂-Bepreisung geändert haben

Wir haben den nationalen CO₂-Preis lange als sinnvolles, marktwirtschaftliches Instrument unterstützt. Doch gute Politik braucht – genau wie gutes Unternehmertum – eine echte Fehlerkultur. Wenn sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen signifikant ändern, müssen Strategien hinterfragt werden.

Der CO₂-Preis in seiner jetzigen Form scheitert unserer Meinung nach an drei wesentlichen Punkten:

  1. Fehlende Lenkungswirkung in der Praxis: Ein Großteil der Bevölkerung und viele Unternehmen stehen im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld gar nicht vor einer unmittelbaren Investitionsentscheidung (wie dem Kauf einer neuen Heizung oder dem Umstieg auf E-Mobilität). Für sie entfaltet der CO₂-Preis keine lenkende Wirkung zum Umstieg, sondern ist eine reine finanzielle Belastung ohne kurzfristige Handlungsalternative.
  2. Soziale und wirtschaftliche Unwucht: Günstigere Heizkosten würden Geringverdiener (und gleichermaßen margensensible Filialisten) weit stärker entlasten als die aktuell diskutierten steuerlichen Reformen. Wer Klimaschutz sozial gerecht und wirtschaftlich tragfähig gestalten will, muss an den direkten Energiekosten ansetzen.
  3. Geistige Flexibilität statt Dogmatismus: In der modernen Energiewirtschaft und im Energiehandel passen wir uns täglich an neue Marktsituationen an. Die Politik hingegen hält starr an einem jahrealten Konzept fest, das mittlerweile an der finanziellen Realität der Menschen und der Wirtschaft vorbeigeht.

Wir plädieren daher für mehr Ehrlichkeit in der energiepolitischen Debatte und den Mut, Instrumente, die in der Praxis nicht (mehr) funktionieren, konsequent zu korrigieren.

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Die Herausforderung: Physisches CPPA und Bilanzkreismanagement

Das physische CPPA bringt mit sich, dass wir die eingespeisten Strommengen in unserem Bilanzkreis verarbeiten.

Ein Bilanzkreis ist im Grunde ein virtuelles Verrechnungskonto (Soll und Haben). Auf der einen Seite steht der gebündelte und saldierte Stromverbrauch unserer Kunden, auf der anderen Seite die eingekaufte beziehungsweise produzierte Menge Strom.

Als Bilanzkreisverantwortlicher haben wir gegenüber den Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) die Verpflichtung, unseren Bilanzkreis im 15-Minuten-Rhythmus stets ausgeglichen zu halten.

Das bedeutet:

  • Wenn die Photovoltaikanlage aufgrund einer Wolkenfront weniger Energie liefert als geplant, dann müssen wir diese fehlende Menge umgehend nachhandeln. Dies geschieht kurzfristig – entweder am Spotmarkt (Day-Ahead) oder im Intraday-Handel bis zu 5 Minuten vor Lieferung.
  • Wir dürfen nicht auf günstige Ausgleichsenergie spekulieren, welche der ÜNB zur Netzstabilisierung einsetzt, da wir sonst unsere Rolle als Bilanzkreisverantwortlicher verlieren würden.

Beim Solarpark Kolitzheim-Herlheim erfolgt die Lieferung „as forecasted“. Das bedeutet, wir erhalten vom Anlagenbetreiber am Vortag einen verbindlichen Lieferplan mit Prognosemengen im Viertelstunden-Rhythmus, die wir exakt so in unseren EHA-Bilanzkreis aufnehmen. Das Risiko, dass die Anlage am Liefertag (etwa durch überraschenden Schattenwurf) abweichend produziert, verbleibt in diesem Fall beim Anlagenbetreiber – er muss eventuelle Abweichungen zwischen der übermittelten Prognose und der tatsächlichen Einspeisung finanziell ausgleichen und trägt somit das unmittelbare Regelenergierisiko der Erzeugung.

Die Portfoliostrategie: Bewusste Unterdeckung

Ein CPPA deckt in der Praxis selten den gesamten Strombedarf eines Unternehmens ab. Es bildet vielmehr einen festen, nachhaltigen Baustein innerhalb einer modernen Strombeschaffungsstrategie, die typischerweise aus Terminmarkteinkäufen und Spotmarkt-Transaktionen kombiniert wird. 

Daraus ergibt sich eine entscheidende energiewirtschaftliche Frage: Wie stellen wir sicher, dass der physisch gelieferte CPPA-Strom im Portfolio exakt Platz findet und der Bilanzkreis stets ausgeglichen ist?

Die Herausforderung liegt in der Vermeidung von Überdeckungen: Wenn ein Verbrauchsportfolio für das nächste Lieferjahr bereits zu 100 Prozent über vorausschauende Terminmarkteinkäufe abgesichert wäre und dann zusätzlich die prognostizierten CPPA-Mengen in den Bilanzkreis hineinfließen, wäre das Portfolio überdeckt.

Die Folge: Wir müssten die doppelt beschaffte Menge Strom am Spotmarkt wieder verkaufen. Das würde nicht nur unkalkulierbare Marktpreisrisiken erzeugen, sondern würde auch den Kerngedanken einer direkten Grünstrombelieferung verwässern.

Unsere Lösung: Gezielte Portfolio-Strukturierung. Um dieses Szenario zu vermeiden und dem CPPA-Strom seinen festen Platz einzuräumen, wenden wir bei EHA eine bewusste Portfoliostrategie an: Wir planen in der langfristigen Strombeschaffung am Terminmarkt gezielt eine leichte Unterdeckung für das Gesamtsystem ein. Indem wir die erwartete Jahreserzeugung der Erneuerbare-Energien-Anlage von vornherein als festen Grundsockel im Portfolio berücksichtigen, sichern wir am Terminmarkt nur die verbleibende Restmenge ab. Diese kalkulierte Unterdeckung garantiert, dass der gelieferte Grünstrom aus dem Solarpark physisch Eins-zu-eins vom Kundenportfolio aufgenommen wird und die bilanzielle Kette zwischen Erzeugung und Verbrauch lückenlos geschlossen bleibt.

Multi-Site-Fokus: Ein Solarpark für 2.150 dm-Märkte

Die Integration von CPPA-Strom in ein Industrieunternehmen mit einem großen Zählpunkt ist energiewirtschaftlich gut handhabbar. Die Versorgung von Multi-Site-Unternehmen wie dem filialisierten Einzelhandel hingegen ist deutlich anspruchsvoller.

Wie lässt sich der Strom eines 11-MWp-Solarparks auf hunderte Filialen aufteilen?

Wir konsolidieren dafür die Verbrauchsdaten aller Standorte. Aus allen Zählpunkten ermitteln wir ein saldiertes Verbrauchsportfolio. Der erzeugte Solarstrom fließt in diesen großen Pool, und wir beschaffen die restlichen, noch fehlenden Mengen, die der Solarpark nicht abdecken kann, marktbasiert hinzu.

So ermöglichen wir es in diesem Fall dm, die Komplexität des Energiemarktes vollständig an uns auszulagern und gleichzeitig von der hohen Planungssicherheit eines nachhaltigen Leuchtturmprojekts zu profitieren.

Wollen Sie mehr über unsere CPPA-Lösungen für Multi-Site-Unternehmen erfahren?

Lassen Sie uns gerne gemeinsam prüfen, wie ein maßgeschneidertes CPPA Ihre unternehmensweite Beschaffungsstrategie dauerhaft planbar, kosteneffizient und zukunftssicher macht – wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme!

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Das EHA Redaktionsteam vereint Fachwissen aus Energiepraxis, Marktbeobachtung und Regulierung sowie Erfahrung in Energiedatenanalyse, Beratung und der verständlichen Aufbereitung komplexer Energiethemen.

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