Dekarbonisierung: Der Weg zur kohlenstofffreien Wirtschaft

Im Rahmen des beschlossenen „Green Deal“ der EU sollen die Industrie und Wirtschaft den Weg für ein klimaneutrales Europa bis 2050 ebnen und stärken.

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Bildquelle: iStock

Besonders energieintensive Branchen müssen vor dem Hintergrund des Timings zügig auf klimaneutrale Energieträger umstellen. In der Strategie kommt neben Kreislaufwirtschaft und Emissionshandel auch die Dekarbonisierung zur Sprache. EHA klärt über ihre Bedeutung und entsprechende Maßnahmen auf.

Definition: Was ist Dekarbonisierung?

Der Begriff Dekarbonisierung ist leicht erklärt: In ihm steckt das Wort ‚Carbon‘ oder ‚Karbon‘, das für Kohlenstoff steht. De- oder Entkarbonisierung bezeichnet die Abkehr vom Kohlenstoff und damit das Szenario einer postfossilen, kohlenstofffreien Wirtschaft, speziell im Energie- bzw. Stromsektor

Dekarbonisierung in Industrie und Wirtschaft

Bisher bezog die deutsche Wirtschaft Energie aus Quellen nuklearer und fossiler Brennstoffe – also Atomenergie, Kohle und Öl – und das mit umweltschädlichen Kohlenstoffemissionen als Folge. Heute ist unlängst bekannt, dass die Verbrennung von Kohle, Erdgas oder Öl Kohlenstoff freisetzt, als CO2 die Erdatmosphäre erreicht, dort den Treibhauseffekt erzeugt und für die Erwärmung des Weltklimas verantwortlich ist.

Mit dem beschlossenen Kohleausstieg und dem andauernden Prozess der Energiewende, hat sich die Politik zum Ziel gesetzt, weniger CO2 auszustoßen. Die Bestrebungen Deutschlands erhalten zusätzliches Gewicht durch das beschlossene Pariser Klimaabkommen 2015, in dem sich auch die Weltgemeinschaft zu einer deutlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2035 - unter Einhaltung der Untergrenze von 1,5 ° Celsius – bekannte. Zuletzt gab EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit dem „European Green Deal“ erneut den Anstoß, Europas Industrie und Wirtschaft bis 2050 klimaneutral zu gestalten.

Dekarbonisierung: Maßnahmen bis 2050

Damit Europa bis spätestens 2050 zu einem klimaneutralen Kontinent wird, müssen besonders die energieintensiven Branchen Zement, Stahl und Chemie zügig auf klimaneutrale Energieträger und Rohstoffe umstellen. Dieses große Ziel ist zeitlich ambitioniert. Doch was sind mögliche Wege zur Erreichung des Ziels?

Die Strategie müsse Investitionen zur raschen Umstellung auf CO2-freie Technologien fördern und neue Märkte für nachhaltige Produkte schaffen, um die Klimaneutralität rechtzeitig zu erreichen, findet Erika Bellmann, Expertin für Klimaschutz & Energiepolitik beim WWF. Und hier ist auch die Bundesregierung gefragt: Politik und Parteien in Deutschland legen bisher keine ausreichenden Konzepte vor. Und das obwohl hinreichend bekannt ist, dass die Prozesse von Industrie und Wirtschaft optimiert werden müssen. Besonders in drei Sektoren gibt es enormes Einsparpotential. 

Industrie-Sektor

Ein solches Beispiel ist die Industrie. Zwei Drittel der Emissionen der Industrie entstehen energiebedingt und könnten grundsätzlich durch den Einsatz von treibhausgasneutralen Energieträgern durch den Einsatz mit den dafür benötigten Technologien vermieden werden. Eine tiefgehende Umstellung der Prozesse kann also prozessbedingte Emissionen stark verringern. Was allerdings nicht verhindert werden kann: Nicht für alle Produkte gibt es klimaneutrale Ersatzrouten beziehungsweise es werden an manchen Stellen Restemissionen anfallen. Diese müssten kompensiert oder anderweitig genutzt werden.

Weitere Emissionen können verringert werden, wenn Strom für Verkehr zunehmend aus erneuerbaren Energien bezogen wird. In diesem Zusammenhang stellt die Sektorenkopplung einen vielversprechenden Lösungsansatz dar. Noch hinken die Sektoren Verkehr und Wärme hinter dem Stromsektor her. Doch auch in diesem Kontext können neue Prozesse, wie etwa flexibilisierte Biogasanlagen, Abwärmenutzung, Wärme aus Strom, dem Power-to-Gas-Ansatz sowie zunehmender Elektromobilität helfen, die Werte in Zukunft noch zu verbessern.

Verkehrssektor

Die Emissionen im Verkehr haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt. Im Jahr 2018 war der Verkehrssektor für mehr als 19 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen Deutschlands verantwortlich. Immerhin: Ihr Anteil ging erstmalig im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr leicht zurück. Nicht betrachtet werden übrigens Emissionen, die bei der Bereitstellung des Bahnstroms für den Schienenverkehr entstehen. Diese werden dem stationären Anteil der Energiebranche (Bahnstrom-Kraftwerke) zugeordnet. Doch wie lassen sich die Emissionsquellen effektiv verringern? Die wesentlichen Hebel sind Verkehrsreduktion, Streckenverkürzung, Einhalten von Emissionsgrenzwerten und der Wechsel von Antriebssystemen und Energieträgern. Weitere konkrete Maßnahmen für die Mobilitätswende sind:

  • Hebel 1: Personenverkehr reduzieren – Verkehrsvermeidende Stadt- und Raumplanung, Anreize gegen Zersiedelung, die Förderung virtueller Mobilität sowie die Verteuerung von Flugverkehr etc. könnten eine Reduktion um bis zu 20 Prozent ermöglichen.
  • Hebel 2: Motorisierten Individualverkehr auf umweltfreundliche Verkehrsmittel verlagern – Zusätzlich muss individueller Autoverkehr auf öffentlichen Verkehr, Radinfrastrukturen und Sharing-Angebote verlagert und der Lkw-Verkehr maßgeblich auf die Schiene gebracht werden.
  • Hebel 3: Güterverkehr reduzieren – Etwa durch die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, Vermeidung von Leerfahrten durch intelligente Steuerung sowie die Verteuerung von Lkw-Transporten.
  • Hebel 4: Schnelle und flächendeckende Elektrifizierung der Fahrzeuge – Also der übergreifende Ausbau von E-Mobility
  • Hebel 5: Verbleibende Verbrennungsantriebe auf synthetische Kraftstoffe umstellen bis spätestens bis 2035 – Betrifft vor allem den Flugverkehr und Teile des Schwerlastverkehrs, die nicht elektrifiziert werden können.

Gebäude-Sektor

Im Immobilienbereich sind besonders alte Bestandsbauten ein Problem für die Klimabilanz. Der Gebäudesektor war 2018 für 15 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Bisher ist die energetische Sanierungsrate von ca. 1 Prozent zu niedrig, um zeitnah treibhausgasneutral zu sein. Sanierung, Effizienzsteigerung und Suffizienz im Gebäude – so lautet die Leitlinie des Maßnahmenkatalogs.

Es braucht eine Steigerung der Sanierungsrate, um eine vollständige oder weitgehende Abdeckung des Heiz- und Warmwasserbedarfs des Gebäudebestands durch erneuerbare Energien zu bewirken. Oder konkreter:

  • Hebel 1: Gebäude energetisch sanieren – Die politischen Ziele der Bundesregierung sehen 2 Prozent aller Gebäude vor, für die deutschen Ziele bis 2035 bräuchte es jedoch 4 Prozent. Das klingt erstmal nicht viel. Doch angesichts der Massen an Bestandsbauten ist das ein Wert, der historisch noch nie erreicht wurde.
  • Hebel 2: Wärmepumpen, solarthermische Kollektoranlagen oder grüne Nah- bzw. Fernwärme implementieren statt Heizungen auf Basis fossiler Energieträger.
  • Hebel 3: Restbestände fossiler Heizanlagen über synthetische Energieträger versorgen. Auch verbesserte Gebäudedämmung spielt der Bedarfsdeckung hier positiv in die Hände.

Für die mittelfristige Dekarbonisierung des Gebäudesektors bedarf es der Beantwortung dreier Fragen: Wie viel Wohnfläche ist genug? Wie energieeffizient sollten Gebäude sein? Wie sollten Gebäude beheizt werden?

Fazit

Um bis 2035 die von Deutschland gewünschte Klimaneutralität zu erreichen, was ein wichtiger Schritt auch in Richtung EU Green Deal wäre, braucht es zusätzliche Maßnahmen und Prozesse. Nicht nur in den drei vorgestellten Sektoren, sondern überall dort, wo es Einsparpotential durch Umdenken und neue Prozesse gibt. Es ist Aufgabe für Politik, Industrie und Wirtschaft und uns alle.

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