EHA Whitepaper: Versorgungssicherheit Gas

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EHA Whitepaper: Versorgungssicherheit Gas
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Die deutsche Energiewirtschaft blickt mit Bestürzung und großer Sorge auf die Situation in der Ukraine. Leidtragende dieses Krieges ist in allererster Linie die ukrainische Bevölkerung. Der russische Überfall hat schon jetzt Auswirkungen auf unsere Energieversorgung, die weiter zunehmen können.

Viele Sorgen und Fragen stehen nun auch hinsichtlich der Sicherstellung der Gasversorgung in Deutschland im Raum. Wir wollen die häufigsten davon im Rahmen dieses FAQs für Sie beantworten.

1. Die Ukraine stoppt den Gastransit durch die wichtige Sojus-Pipeline, weil sie durch besetztes Gebiet läuft. Drohen Engpässe bei der Gasversorgung für Deutschland?

Was ist genau passiert? Die Verdichterstation im ukrainischen Nowopskow, das Gas aus Russland Richtung Westen befördert, hat ihren Dienst eingestellt. Die entsprechende Pipeline läuft nun leer. Daher wurden von Gazprom ab dem Zeitpunkt nur noch geringere Mengen Gas nach Deutschland geliefert als bisher. Seit dem 02. September erhält Deutschland kein Gas mehr aus Russland.

Die fehlenden Mengen lassen sich aktuell noch durch Lieferungen vor allem aus Norwegen und den Niederlanden ausgleichen. „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Auch die Versorgungssicherheit ist weiter gewährleistet“, teil die Bundesnetzagentur mit. Zwar sind die Preise zuletzt nicht gestiegen, trotzdem müssen sich Unternehmen und private Verbraucher auch weiterhin auf ein deutlich höheres Preisniveau einstellen.

Unterdessen sorgt Deutschland weiter vor und füllt die Gasspeicher, um der Energiekrise entgegenzuwirken und hält Verbraucher dazu an weiterhin Gas zu sparen. Aktuell liegen die Füllstände der Gasspeicher in Deutschland bei über 90 Prozent (Stand: 15. Dezember 2022). Zwar lag der Gasverbrauch in Kalenderwoche 49 unter dem durchschnitten Verbrauch der letzten vier Jahre, dennoch ist dieser gegenüber dem Verbrauch der Vorwoche stark angestiegen und hat dazu geführt, dass das Sparziel deutlich verfehlt wurde.

2. Ist die Energieversorgung in Deutschland gefährdet?

Der Ausbau erneuerbarer Energien sowie der geplante Kohle- und Atomausstieg haben dazu geführt, dass die Erzeugung in immer stärkeren Maße Schwankungen ausgesetzt ist. Fehlende Strommengen müssen dann oftmals durch den Einsatz von Gaskraftwerken ausgeglichen werden.

Weitere Gründe für die starke Nachfrage nach Erdgas sindindustrielle Prozesse, welche den Energieträger erfordern, sowie der Bedarf der Haushalte. Die Versorgung mit Erdgas ist aktuell sichergestellt. Allerdings lässt die geopolitische Lage Versorgungsengpässe zu einem realistischen Szenario werden.

3. Wie groß ist die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland?

Russland lieferte mehr als 50 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases. Seit dem Ausfall dieser Lieferungen, ist es eine große Herausforderung da Gas anderweitig zu importieren.

4. Wie ist der Füllstand der deutschen Gasspeicher?

Am 13.11.2022 waren die Speicher in Deutschland zu 99,89 % gefüllt (Quelle: Gas Infrastructure Europe). Die Gasspeicher füllen sich, obwohl kein Gas mehr aus Russland fließt. Noch im Juni 2022 lagen die Speicherstände bei lediglich knapp über 60 Prozent.

Die Zielmarke von 95 Prozent zum 01. November wurde bereits am 13. Oktober 2022 erreicht. Mit dem aktuellen Füllstand liegt der Wert 10 Prozent über dem Durchschnittswert der letzten 5 Jahre und ebenfalls über dem Wert aus 2021 zu diesem Zeitpunkt. Bis zum 01. Februar 2023 sollen die Gasspeicher immer noch mit rund 40 Prozent gefüllt sein (Quelle: NDR).

5. Welche Alternativen gibt es?

Auf volkswirtschaftlicher Ebene wird mittelfristig der massive Ausbau Erneuerbarer Energien, eine diversere Lieferstruktur und der Hochlauf von Wasserstoff bedeutsam für die Versorgungssicherheit sein. Deutschland muss unabhängig von fossilen Energieträgern werden. Insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien gilt es, Hemmnisse bei der Genehmigung und Realisierung der Projekte zu beseitigen.

In der Zwischenzeit könnte der Energieträger Erdgas substituiert werden. So könnten beispielsweise Kohle- und Atomkraftwerke länger als geplant am Netz bleiben, die Fördermengen von Erdgas von außerhalb Russlands auf das Maximum erhöht werden oder eine strategische Mindestmenge für die Erdgasspeicher gesetzlich festlegt werden.

6. Was bedeutet das für die Preisentwicklung?

Energiepreise werden von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst und Prognosen sind grundsätzlich mit vielen Unsicherheiten behaftet. Der Krieg in der Ukraine und möglicherweise die ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland sind natürlich Einflussfaktoren. Allerdings sollte man sich nicht von kurzfristigen Schwankungen beeindrucken lassen, sondern mit Energieeinkaufsstrategie, die auf verteilten Beschaffungszeitpunkten beruht, Spitzen beim Einkauf vermeiden.

7. Was können Unternehmen tun?

Jegliche Maßnahmen zur Schaffung von Transparenz von Energieverbräuchen sowie zur Verbrauchssenkung sollten umgesetzt werden. 

Beispielsweise können Möglichkeiten zur Substitution von Erdgas durch Wärmepumpen oder die Nutzung von Abwärme erwogen werden. Die Temperatur der Heizung sollte geprüft und auf ein möglichst niedriges Niveau im gesetzeskonformen Rahmen eingestellt werden. Sollte eine Erneuerung von Anlagen zur Kühlung oder Wärmeversorgung von Liegenschaften anstehen, kann geprüft werden, ob der Verbrauch von Erdgas substituiert oder durch Effizienzmaßnahmen verringert werden kann.

Eine Substitution von Erdgas durch Biogas oder aber das außerplanmäßige Schließen von offenen Positionen kann hingegen nur eingeschränkt empfohlen werden. Grund hierfür ist, dass das aktuelle Preisniveau hoch ist und im Krisenfall die Steuerung der Versorgung durch die Netzbetreiber (inklusive einer möglichen Abschaltung) unabhängig vom individuellen Eindeckungsgrad des jeweiligen Kunden aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive erfolgen würde.

8. Sollte Deutschland angesichts des Angriffs auf die Ukraine unabhängiger von Erdgas aus Russland werden?

Der Angriff auf die Ukraine sowie die Abhängigkeit von Rohstoffen, welche eine Sanktionierung von Völkerrechtsbrüchen erschwert, zeigt, dass diese Frage mit einem klaren „ja“ beantwortet werden muss.

Aber auch aus Gründen des Klimaschutzes gilt: Deutschland muss insgesamt unabhängig von fossilen Energieträgern werden. Mittelfristig wird der massive Ausbau erneuerbarer Energien, eine diversere Lieferstruktur und der Hochlauf von Wasserstoff bedeutsam für eine diversifizierte Energieversorgung.

Die neue Bundesregierung muss die richtigen Rahmenbedingungen für den schnellen Ausbau der erneuerbaren Energien schaffen. Deutschland braucht mehr Flächen für Windräder und Photovoltaik-Anlagen sowie schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Auch Netzausbau und -umbau müssen durch einen investitionsfreundlichen Regulierungsrahmen beschleunigt werden, damit der erneuerbare Strom sicher vom Ort der Erzeugung zu den Verbrauchern gelangt.

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