„Energieeffizienzmaßnahmen müssen sich rechnen“: Das Experteninterview mit Lars Reimann, HDE

In loser Folge interviewen wir für den EHA Blog Experten zu aktuellen Energiethemen und den speziellen Herausforderungen ihrer Branchen.

Fragen an Lars Reimann, HDE-Abteilungsleiter Energie, Umwelt- und Klimaschutz
Bildquelle: HDE/Engelhardt

Den Anfang macht Lars Reimann, Abteilungsleiter Energiepolitik und Umwelt beim Handelsverband Deutschland (HDE).

Für 2019 sind steigende Strompreise prognostiziert. Kann die Handelsbranche ihre Anstrengungen zur Verbrauchsreduzierung weiter intensivieren oder ist bald ein Punkt erreicht, an dem sich das nicht mehr kompensieren lässt?

Aktuell hat der Handel beim Stromverbrauch eine durchschnittliche Einsparung von über 2 % pro Jahr. Die Bundesregierung hat sich auf europäischer Ebene zum Ziel gesetzt, bis 2030 jährlich einen Wert von 0,8 % zu erreichen. Damit hat unsere Branche ihren Stromverbrauch um fast das Dreifache senken können und den Zielerreichungswert der Bundesregierung deutlich übertroffen.

Im Rahmen seiner 2017 gestarteten Klimaschutzoffensive hat der Handel die Top 20-Maßnahmen zum Energieeinsparen identifiziert. Diese werden von den großen Filialisten bereits alle umgesetzt, sofern sie sich in der konkreten Umgebung als wirtschaftlich darstellen. Grundsätzlich haben es die großen Unternehmen erheblich schwerer den Kostenanstieg zu kompensieren, da die „low hanging fruits“ längst abgeerntet sind. Signifikante Einsparungen wären hier nur durch einen technologisch oder politisch gelagerten „Game Changer“ möglich, wie wir ihn z.B. mit der Einführung der LED-Technologie erlebt haben.

Bei den kleineren Einzelhändlern sehen wir noch erhebliche Potenziale für Energieeinsparungen, denn bereits durch gering-investive Maßnahmen sind merkliche Verbrauchssenkungen möglich. Was den kleinen und mittleren Unternehmen fehlt, ist technisches Know-how über Energieeffizienz – und sicherlich wäre auch eine unkomplizierte Förderlandschaft günstig, um größere Investitionen für Energieeffizienzmaßnahmen anzureizen.

Profilbild zu: Lars Reimann

Über Lars Reimann

Lars Reimann ist seit 2017 Abteilungsleiter für Energiepolitik und Umwelt beim Handelsverband Deutschland (HDE) und setzt sich dort für die Belange des Einzelhandels ein.

Was sind nach Ihrer Erfahrung in den Unternehmen die größten Hemmnisse auf dem Weg zu Verbrauchsreduzierung und zu mehr Energieeffizienz?

Für die KMU gehört die Beschäftigung mit Energieeffizienz, Treibhausgasen und Klimaschutz nicht zum Tagesgeschäft. Obwohl die Kaufleute ständig mit Zahlen und Bilanzen arbeiten – über den Energieverbrauch in ihren Geschäftsräumen wissen die wenigsten gut Bescheid. Genau hier setzt die Klimaschutzoffensive des Handels an: Mit dem auf die KMU zugeschnittenen Unterstützungsangebot auf unserer Website und bundesweiten Veranstaltungen, wird es für die Händler einfacher, Energiekosten einzusparen und entsprechende Maßnahmen umzusetzen.

Viele Händler zielen bei ihren Energieeffizienz-Aktivitäten zunächst auf Themen wie LED-Beleuchtung oder Optimierung der Kältetechnik. Müssen nun auch mal andere Handlungsfelder in den Fokus gestellt werden?

Laut der letzten EHI Studie wurden bisher 40 Prozent der Leuchtpunkte auf LED umgestellt. Hier gibt es also noch Luft nach oben. Andererseits kommt es auch immer auf die genauen Rahmenbedingungen an. Es ist nicht sinnvoll jeden Leuchtpunkt auszutauschen. Oftmals reicht ein Retrofit.

Insgesamt lässt sich aber sagen, dass der Fokus erweitert werden sollte, um neue Potenziale zu erschließen. Ob Raumluft, Wärmerückgewinnung oder effiziente Heizanlagen: Effizienzmaßnahmen müssen sich rechnen. Und wir haben noch keine Lösung für das Mieter-Vermieter-Dilemma, was Investitionen bei Bestandsgebäuden praktisch verhindert.

Förderlich wäre auch ein politischer Impuls. Mit einem CO2-Mindestpreis würden klimafreundliche Produkte und Prozesse wirtschaftlich besser darstellbar, weil jedes Gramm Kohlendioxid gleichermaßen bepreist wird – unabhängig davon, wo es emittiert wurde.

Grafik: Klimaschutzoffensive Abgaben Umlagenbelastungen Strom für Einzelhandel
Bildquelle: HDE

Welche wichtigen Gesetzesvorhaben sollten aus Sicht des Handels zügig umgesetzt werden?

Mehr als die Hälfte der Stromkosten bestehen aus staatlichen Abgaben und Umlagen (siehe Grafik). Es wird dringend Zeit, dass diese auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.

Vor dem Hintergrund, dass Deutschland seine CO2-Ziele nicht erreichen wird und das EEG das wesentliche Klimaschutzinstrument sein soll, muss über eine Umstrukturierung der Förderung nachgedacht werden. Aus unserer Sicht sollte die Finanzierung über eine Bepreisung von CO2 erfolgen. Die Aufkommenswirkung sollte dann zum Aufbau erneuerbarer Energien genutzt werden. Damit würden wir jedenfalls den Klimaschutz in den Mittelpunkt der Energiewende rücken. Es könnten Kosten vermieden werden, wenn CO2 und nicht nur Strom eingespart wird. Gleichfalls würden Erneuerbare Energien und KWK-Anlagen einen „Kostenvorsprung“ erhalten. Die EEG- und KWK-Umlagen könnten abgeschafft werden.

Weiterhin muss die Stromsteuer dringend abgeschafft werden, denn diese hat ihre Daseinsberechtigung als Ökosteuer schon lange verloren. Derzeit besteuert die Ökosteuer Strom aus erneuerbaren Energien genauso wie klimaschädlichen Kohlestrom.

Die HDE-Klimaschutzoffensive läuft noch bis März 2020. Wie ist die Resonanz bei den Einzelhändlern? Gibt es schon Pläne für Folgeaktivitäten?

Die Klimaschutzoffensive wird sehr gut angenommen: Die Projektwebsite HDE-Klimaschutzoffensive.de verfügt über ein umfassendes Informationsangebot. Einen realitätsnahen Eindruck von Energieverbrauchern im Einzelhandel liefert die virtuelle Marktstraße: Die Anwendung zeigt, wo beispielsweise in einer Modeboutique oder in einem Supermarkt Energie verbraucht wird und leitet die Besucher direkt zu unserem Angebot an Leitfäden und Checklisten weiter. Mit diesen praktischen Handreichungen zu Themen wie Beleuchtung, Heizung, Kühlung, Raumluft, Mobilität oder erneuerbare Energien können erste Einsparungen in Eigenregie erzielt werden. In Kürze liegen auch ein Investitions- und Benchmark-Rechner vor, mit dem Händler kalkulieren können, ob sich Investitionen in Effizienzmaßnahmen für sie lohnen und wie effizient ihr Unternehmen im Branchenvergleich wirtschaftet.

In diesem Jahr sind wir zugleich sehr viel vor Ort aktiv. Mit unseren Klima-Events und Workshops bieten wir Händlern in ganz Deutschland ein Rahmenprogramm, bei dem sie alle erforderlichen Informationen bekommen, um ihr Geschäft energieeffizienter zu machen. Neben Energieexperten laden wir dazu auch Einzelhändler ein, die bereits erfolgreich aktiv waren und von ihren Energiesparprojekten berichten.

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