Energiemanagementsysteme: Mittelstand hat Nachholbedarf

Mit einem Energiemanagementsystem (EnMS) können Unternehmen günstiger produzieren. So verwundert es ein wenig, dass im verarbeitenden mittelständischen Gewerbe heute erst knapp ein Viertel der Betriebe ein zertifiziertes Energiemanagementsystem (zumeist nach DIN EN ISO 50001) etabliert hat. Zum Vergleich: Zertifizierte Qualitätsmanagementsysteme nutzen bereits 65,7 Prozent und zertifizierte Umweltmanagementsysteme 30,5 Prozent der Unternehmen. Diese Zahlen sind Ergebnisse einer Studie des VDI Zentrums Ressourceneffizienz (VDI ZRE) zur Verbreitung von u. a. zertifizierten und nicht-zertifizierten EnMS in produzierenden Unternehmen.

Energiemanagementsysteme: Der Mittelstand hat Nachholbedarf
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Ein zertifiziertes EnMS haben 36,4 Prozent der mittleren und 42,6 Prozent der großen Betriebe, allerdings nur 9,2 Prozent der kleinen Unternehmen. Interessant: Ein mit 18,2 Prozent relativ hoher Gesamtanteil der Unternehmen verwendet zusätzlich zu einem zertifizierten Qualitätsmanagement- oder Umweltmanagementsystem auch ein nicht-zertifiziertes Energiemanagementsystem und 20,5 Prozent planen ein solches einzuführen.

Unternehmen unterschätzen die Vorteile eines EnMS

Die Studie fragte ebenso nach den Motivatoren und Hemmnissen bei der Einführung von EnMS. Die Anreize sind vor allem die Steigerung der Kundenzufriedenheit und der finanzielle Vorteil. Als größte Hemmnisse gelten die Gefahr der Verkomplizierung einfacher Prozesse aufgrund der Dokumentationspflicht, die hohe Belastung des Personals durch zusätzlichen administrativen Aufwand, fehlende Vorteile (Kosten und Effizienz) sowie hohe Kosten bei der Einführung. Auffällig ist, dass die vermeintliche Gefahr der Verkomplizierung von den Befragten überdurchschnittlich häufig genannt wurde, während die Vorteile, die sich durch eine bessere Struktur im Unternehmen (Stichwort: vollständig dokumentierte Prozesse) ergeben, nur als schwacher Treiber bewertet werden.

Die Marktforscher richteten ihren Blick ebenso darauf, inwieweit die entscheidenden Aspekte eines zertifizierten EnMS auch in den nicht zertifizierten EnMS umgesetzt werden. Eine Steigerung der Energieeffizienz erreichten 66,9 Prozent der Unternehmen, festgelegte und bekannte Kommunikationswege verwirklichten 62,1 Prozent und die Dokumentation wurde von 61,3 Prozent umgesetzt. Vor allem die Energieeffizienz als absolut zentraler Aspekt eines EnMS ist ausbaufähig, d.h. hier lassen die Unternehmen große Potenziale brachliegen.

Interview mit Dr. Karen Meimberg, Expertin für EnMS

Dr. Karen Meimberg
Dr. Karen Meimberg

Dr. Karen Meimberg, Teamleiterin Energie-Consulting bei EHA, nimmt als Expertin für EnMS Stellung zu den zentralen Ergebnissen der Studie.

Frage: Die Energiemanagementsysteme leisten wie auch Qualitätsmanagementsysteme und Umweltmanagementsysteme einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Ressourceneffizienz. Warum ist die Verbreitung der zertifizierten EnMS nicht größer?
KM: In aller Regel entscheiden sich Unternehmen für ein zertifiziertes EnMS, wenn sie durch das Energiedienstleistungsgesetz (EDL-G) als sogenannte „Nicht-KMU“ dazu verpflichtet sind oder um Steuern zu sparen, Stichwort Spitzenausgleich. Die kleinen Betriebe haben meist keine externen Anforderungen und können daher auch nicht in dem Maße profitieren, d. h. sie fahren oft besser mit nicht-zertifizierten EnMS oder mit Energieaudits zur Erfüllung des EDL-G. Bei den großen Unternehmen aber wird die Verbreitung der zertifizierten EnMS weiter zunehmen, denn aus ihnen resultieren direkte Kostenerstattungen und Einsparungen bei den Betriebskosten.

Frage: Gibt es aus Ihrer Erfahrung in den Unternehmen „populäre Irrtümer“ über zertifizierte EnMS?
KM: Einerseits gibt es den Mythos Dokumentation. Viele Unternehmen überschätzen den dazu erforderlichen Aufwand, denn ein zertifiziertes EnMS ist weniger formalisiert als beispielsweise ein Qualitätsmanagementsystem. Auch erleben wir unberechtigte Sorgen vor strengen Audits. Bei diesen Prüfungen geht es um den Nachweis von Verbesserungen, d. h. bei einer Erstzertifizierung ist durchaus „Mut zur Lücke“ gefragt, denn jeder fängt einmal klein an. Wichtig ist auch die Auswahl des Zertifizierers, denn dieser sollte das Unternehmen verstehen. EHA hilft bei der Suche nach passenden Auditoren. Anderseits unterschätzen manche Unternehmen den Aufwand der Norm ISO 50001. Wer glaubt, eine solche Zertifizierung erlange man mal „so schnell nebenbei“, ist auf dem Holzweg. Dafür ist die Gesamtorganisation gefordert und nicht nur einzelne Mitarbeiter.

Frage: Was sind die Erfahrungen von EHA hinsichtlich der Motivatoren und Hemmnisse bei den Unternehmen? Wie bewerten die EHA-Kunden rückblickend den Einführungsprozess?
KM: Die meisten Unternehmen wollen mit der Einführung eines zertifizierten EnMS das EDL-G erfüllen. Manche motiviert auch die Einschätzung, dass bereits vorhandene Strukturen die Etablierung des EnMS stark erleichtern können. Weitere Beweggründe sind die Senkung von Betriebskosten und Imageaspekte. Demgegenüber steht eine häufig übertriebene Angst vor dem Aufwand. Im Rückblick berichten unsere Kunden häufig von einer positiven Eigendynamik, die während der Einführung entsteht. Die Freude über die gewonnene Transparenz macht das EnMS zur Plattform für motivierte Mitarbeiter.

Frage: Ist die oft befürchtete Verkomplizierung eine berechtigte Sorge? Können Sie aus der EHA Praxis berichten über die betriebswirtschaftlichen Vorteile, die sich aus der besseren Struktur im Unternehmen ergeben?
KM: Die Verkomplizierung ist eine Tatsache, die aber nicht überbewertet werden sollte. Häufig fangen die Unternehmen nicht bei Null an, sondern sie können auf Bestehendes aufbauen und dabei Hilfe von professionellen Beratern in Anspruch nehmen. Für den Erfolg sollten möglichst viele Akteure im Unternehmen beteiligt werden, zum Beispiel auch der Vertrieb. Die Strukturen eines zertifizierten EnMS erlauben das ohne weiteres.

Dank der erreichten Transparenz lässt sich die Energie bewusster einsetzen und die Unternehmen haben einen geldwerten Nutzen, der allerdings nicht unbedingt am Stromzähler abgelesen werden kann. In den meisten Unternehmen haben wir es ja mit einem tendenziell steigenden Energiebedarf zu tun. Das EnMS hilft, diesen Anstieg abzufedern.

Frage: Mit welchen Argumenten raten Sie Unternehmen zu einem zertifizierten EnMS? Womit punktet es gegenüber einem System ohne Zertifikat?
KM: Erstens: Erfüllen Sie das EDL-G und sichern sich den Spitzenausgleich. Zweitens: Verbessern Sie Ihr Bild in der Öffentlichkeit. Drittens: Erfüllen Sie Kundenanforderungen. Und „last but not least“ bestätigt das Zertifikat die eigenen Bemühungen um Energieeffizienz und die externen Audits dienen außerdem oft als wertvoller Ansporn.

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