Energiepreisentwicklung: Was bestimmt die Volatilität der Strom- und Gaspreise?

Energiepreisentwicklung: Volatilität von Strom- und Gaspreisen
Bildquelle: EHA

Vor allem im letzten Jahr haben sich die Strom- und Gaspreise stark verändert. Das verursacht Verunsicherungen und die Frage, ob das auch langfristig so bleiben wird. Aktuelle Geschehnisse, wie die Energiekrise, bestimmen die Energiepreise. Der Energiemarkt ist wie jeder andere Markt dominiert von der Angebots- und Nachfragekonstellation. Die verstärkte Berücksichtigung von Nachhaltigkeit und Klimapolitik rückt durch Gesetze und Regulierung in den Fokus und spielt ebenfalls bei der Preisentwicklung eine Rolle.

Seit Ende 2021 und insbesondere seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine rückt die Angebotsseite in den Fokus, da das Angebot durch fehlende Lieferungen aus Russland massiv reduziert wurde. Wir wollen in diesem Beitrag einen Blick zurückwerfen, eine Momentaufnahme machen und versuchen eine Prognose über die Energiepreisentwicklung zu geben.

Strompreiseentwicklung Deutschland

Der Strompreis ist vom Primärenergieeinsatz abhängig. Die Kosten für die Stromerzeugung variieren mit der Art des Kraftwerkes. Es wird unterschieden zwischen fossilen Kraftwerken, Kernkraftwerken und mit erneuerbaren Energien betriebenen Kraftwerken. Die erneuerbaren Energien lassen sich grob in Sonne, Wind und Wasser einteilen.

Maßgeblich im Jahr 2022 war für die Bildung des Strompreises allerdings vor allem die Stromerzeugung aus fossilen Energieträgern. So lässt sich sagen, dass der Anteil der erneuerbaren Energieträger in Deutschland zwar bei ca. 40 Prozent liegt und bis auf das Jahr 2021 einem stetigen Wachstum unterlag, aber trotzdem nicht preisbestimmend ist. Die Restlast (Residuallast) oder der Strombedarf, der nicht von erneuerbaren Energien gedeckt wird und wegen des Ausstiegs aus der Atomenergie vor allem aus fossiler Primärenergie, wie Stein- und Braunkohle, Erdöl oder Erdgas, erzeugt wird, ist in einem viel höheren Maße preissetzend.

Die Korrelation des Strompreises mit den Primärenergiepreisen ist am Beispiel des Futures (standardisiertes, in der Regel börsengehandeltes Termingeschäft) Kalenderjahr 2024 Base sehr gut erkennbar.

Future Cal 2024 Base

Gaspreiseentwicklung Deutschland

Coronabedingte Nachfragerückgänge in den Jahren 2020 und 2021 haben auch die Gaspreise auf ein historisch niedriges Niveau sinken lassen. Im vierten Quartal 2021 kam es zu einer preislichen Gegenbewegung nach oben. Wesentlich für diese Preisentwicklung waren unter anderem witterungsbedingte Aspekte. Die überdurchschnittlich milden Temperaturen im Frühjahr 2020 veränderten sich im Frühjahr 2021 (bis einschließlich Mai) ins Gegenteil. Die Grafik des BDEW zeigt dies sehr anschaulich:

Temperatur

Als Verbrauchsindikator, gewichtet mit der Einwohnerzahl pro Bundesland zum 31.12.2019 - Auswertung von 41 Wetterstationen des DWD

Hier handelt es sich nicht nur um eine westeuropäische Besonderheit, sondern diese unterdurchschnittlichen Temperaturen traten in den größten Gasnachfragegebieten weltweit im ersten und zweiten Quartal 2021 auf. Sogenannte Kältewellen gab es in den USA (auch in Texas), in Asien (Russland, China und Japan) und Westeuropa (unter anderem Großbritannien, Frankreich, Spanien und Deutschland). Die Temperaturen führten zu einem vergrößerten Heizbedarf und die aus dem Vorjahr überdurchschnittlich gefüllten Gasspeicher leerten sich global auf unterdurchschnittliche Speicherstände. Die Sorge der „Gasknappheit“ entstand.

Aktuelle Speicherfüllstände in Deutschland im Vergleich

Im Jahr 2021 gab es mit technischen Problemen im Panamakanal sowie der Blockierung im Suezkanal gleich zwei große Lieferkanäle, die wochenlang gestört waren. In Folge traten Abfertigungsengpässe in den Häfen und massive Rohstofflieferengpässe auf. In China waren zusätzlich einige Häfen wegen der Null-Covid-Strategie komplett im Lock Down. Die gesamte Situation führte zu einem verringerten Angebot und mit der ohnehin schon wegen der globalen Witterungsverhältnisse gestiegenen Nachfrage zu höheren Preisen auf dem gesamten Energiemarkt.

Verlauf der Speicherfüllstände in Prozent

In 2022 schien sich aufgrund der anfänglich milden Temperaturen die Situation zu entspannen, doch dann führten die Eskalationen in der Russland-/Ukraine-Situation zum genauen Gegenteil. Die preislichen Auswirkungen des Krieges, der Sanktionen, der Ankündigung der Gazprom ihre Töchter in Westeuropa abzustoßen, der Gegensanktionen und der von Russland geforderten Zahlungen der Energielieferungen in Rubel sieht man im zeitlichen Verlauf der Börsenquotierungen des Jahresproduktes 2023 im Trading Hub Europe (THE).

Dass die Auseinandersetzung noch härtere Folgen hatte, sah man seit Mitte Juni 2022 als Gazprom zum ersten Mal die Lieferung der Nord Stream 1 drosselte. Eine Reduzierung auf 60 Prozent der Liefermenge, dann auf 40 Prozent, nach einer Wartung auf 20 Prozent und seit Anfang September 2022 der komplette Lieferstopp waren das Ergebnis. Anfänglich bezeichnete die russische Seite technische Probleme als Ursache für die Liefereinschränkung bis letztlich der Kreml die Sanktionen als Hintergrund des Lieferstopps benannte.

Staatliche Einflussnahme und Regulierung auf die Energiepreisentwicklung

Die massive Angebotsreduzierung aus Russland und die ohnehin niedrigen Speicherstände aus dem Jahr 2021 veranlassten die Bundesregierung zur Intervention. Gesetzliche Grundlagen wie das Energiewirtschaftsgesetz EWG und das Energiesicherungsgesetz EnSiG werden novelliert. Sowohl national als auch auf EU-parlamentarisch wurden gesetzlich zu erfüllende Speicherquoten zu bestimmten Stichtagen fixiert. Investitionen in die Infrastruktur ermöglichen seit Anfang 2023, dass auch die Bundesrepublik Deutschland als LNG-Importland auftreten kann. Subventionen und Verstaatlichungen bei systemkritischen Unternehmen erlauben eine direkte Handhabung.

Durch das Zusammenspiel mit der Bundesnetzagentur wurden Stufen- und Notfallpläne installiert, durch diplomatische Bemühungen um Diversifizierung auf der Anbieterseite, Einsparziele beim Gasverbrauch und letztendlich durch den staatlich veranlassten Gaseinkauf durch den Trading Hub Europe wurden vielfältige Maßnahmen zur Sicherstellung der Gasversorgung eingeleitet. Rückblickend ist anzunehmen, dass die Regulierungen allerdings auch preistreibende Auswirkungen bedeuten. Seit Anfang August 2022 wurden täglich neue preisliche Allzeithochs sowohl im Spotmarkt als auch am Terminmarkt festgestellt.

Die gesetzlichen Vorgaben zu den Speicherständen wurden sowohl EU-weit als auch in Deutschland erfüllt. In Deutschland wurde das Novemberziel 2022 eines 95-prozentigen Speicherfüllstands erreicht. Die politischen Eingriffe und Diskussionen in Deutschland und in der EU bestimmen nach wie vor die Marktentwicklungen mit.

EEX-Settlement THE-H Cal 2023

Sichtbare Veränderungen: Diversifizierung der Gaslieferanten

Die Bundesregierung hat international Bemühungen unternommen, das Gaslieferantenportfolio auszuweiten. Die Abhängigkeit von Erdgaslieferungen aus Russland hat sich grundlegend geändert.

Herkunft des in Deutschland verbrauchten Erdgases (in Prozent)

Die Investitionen in den Aufbau einer nationalen LNG-Infrastruktur ermöglicht seit Januar 2023 die direkte Anlieferung von LNG nach Deutschland. An den Standorten Brunsbüttel, Wilhelmshaven Stade und Lubmin wird LNG an schwimmenden Terminals bzw. Plattformen verarbeitet und in das Erdgasleitungsnetz eingeleitet.    

Staatliche Unterstützung der Energieverbraucher

Mit Energiepreisbremsen für die Industrie und Haushalts- sowie kleineren Industriekunden, gilt seit März eine preisliche Obergrenze. Der Gaspreisdeckel in der EU sorgt weiterhin dafür, dass der Primärenergiepreis in Zeiten eines zu starken Anstiegs angepasst wird und durch die Gewinnabschöpfung bei den Erzeugern oberhalb eines bestimmten Erlöses werden Umverteilungsmöglichkeiten geschaffen. 

All diese Maßnahmen haben schon jetzt einen spürbaren Preisrückgang bewirkt. Die Grafik zeigt die Entwicklung des Lieferproduktes Kalenderjahr 2024 am THE:

EEX-Settlement THE-H Cal 2024

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