Füllstände der Gasspeicher in Deutschland – Analyse & Einordnung
Aktualisiert
Die Entwicklung der Gasspeicherfüllstände in Deutschland ist nicht nur relevant für die Gasversorgungslage, sondern auch ein wesentlicher Indikator für die Stabilität des ganzen europäischen Energiemarktes – mit nicht zu unterschätzenden Auswirkungen auf die Strompreise.
In diesem Beitrag
- analysieren und bewerten wir die aktuelle Situation der Füllstände,
- beleuchten die gesetzlichen Leitplanken, die trotz der Marktentwicklung weiterhin Bestand haben,
- zeigen auf, warum ein niedrigerer Speicherstand heute eine andere Bedeutung hat als noch vor zwei Jahren
- und welche strukturellen Veränderungen am Gasmarkt diese Entwicklung treiben.
Wie sind die Gasspeicher aktuell gefüllt?
Die Gasspeicher sind aktuell mit rund 54,8 Prozent gefüllt (Stand 09.09.2026), somit liegt der Speicherstand aktuell rund 19,5 Prozentpunkte unter Vorjahresniveau und sogar knapp 27 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2018-2021.
Der Füllstand der Gasspeicher in Deutschland kann tagesaktuell bei der Bundesnetzagentur oder für Europa bei der Gas Infrastructure Europe (GIE) nachgeschaut und verglichen werden.
Gasmangellage 2026? Unsere Einordnung der aktuellen Füllstände
Die im Vergleich zu 2025 aktuell niedrigen Speicherstände werden politisch weiter als geringes Risiko für die Versorgungssicherheit dargestellt. Diese Einschätzung ist durch mehrere strukturelle Veränderungen im Gasmarkt erklärbar.
Dass die Gasspeicher aktuell nicht so gut gefüllt sind, wie in den Vorjahren, ist nicht der entscheidende Punkt. Außer Frage steht auch, dass wir die Versorgung für den Winter absichern müssen. Die entscheidenden Fragen sind: Zu welchem Preis? Und sind die Instrumente noch die richtigen?
Zum Glück ist die Versorgungslage heute robuster als 2022. Trotzdem bleibt die Frage, ob die gesetzlichen Vorgaben in der heutigen Zeit noch die richtigen Anreize setzen.
Hohe Speicherfüllstände stärken die Versorgungssicherheit im Winter. Gleichzeitig machen die aktuellen Marktbedingungen zusätzliche Einspeicherungen zum jetzigen Zeitpunkt für Speicherbetreiber wirtschaftlich wenig attraktiv.Jan-Oliver Heidrich, Geschäftsführer EHA
Eine Gasmangellage lässt sich nicht an einem bestimmten Füllstand der Gasspeicher festmachen. Solange die laufenden Importe (über LNG-Terminals oder Pipelines) ausreichen, um den täglichen Bedarf zu decken, liegt keine Mangellage vor – selbst wenn die Füllstände der Speicher historisch niedrig sind. Die Speicher fungieren als Puffer, doch das entscheidende Kriterium ist die physikalische Balance im Gasnetz.
Hintergrund sind vor allem vier Entwicklungen:
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LNG statt Pipelinegas: neue Produkte, neue Wege
Seit dem Wegfall russischer Pipelineimporte wird Deutschlands Gasversorgung zunehmend über LNG (Liquefied Natural Gas) abgedeckt. Das verflüssigte Erdgas gelangt über mehrere Terminals – insbesondere am Atlantik, im Mittelmeer und an der Nord- und Ostseeküste – in die europäischen Gasleitungen. Es kann unmittelbar zur Verstromung in den Gaskraftwerken oder zur Wärmeversorgung genutzt werden, ohne zwingend zuvor in großen Mengen eingespeichert werden zu müssen. Dadurch sinkt der strukturelle Bedarf an hohen Anfangsspeicherständen.
Flexiblere EU-Vorgaben zu Speicherzielen
Die EU hat die Frühjahrs- und Sommerziele für Mindestfüllstände zuletzt flexibilisiert. Die Versorgungssicherheit gilt aufgrund diversifizierter Bezugsquellen als stabiler und entsprechend besteht weniger Druck, frühzeitig hohe Speicherstände aufzubauen.
Keine zusätzlichen staatlichen Käufe über THE
2022 bis 2024 hat der Staat über den Trading Hub Europe (THE) indirekt selbst zum Gaseinkauf beigetragen, um die Mindestfüllmengen sicherzustellen. Diese staatlichen Käufe blieben 2025 aus und auch im Jahr 2026 hat es bisher keine staatlichen Käufe gegeben, was die Speicherstände sichtbar beeinflusst.
Unattraktive Preisstruktur zwischen Sommer- und Wintergas
Für Händler war eine Sommerbefüllung auch dieses Jahr wirtschaftlich unattraktiv – eine Entwicklung, die durch die hohen Einkaufspreise, bedingt durch den Iran-Krieg und die de facto Sperrung der Straße von Hormus noch verstärkt wurde. Die Differenz der Einkaufspreise für Sommerprodukte war im Verhältnis zu den erwarteten Verkaufspreisen der Winterprodukte zu niedrig, wodurch eine Sommerbefüllung der Speicher nicht lukrativ war.
Gasspeicher mit wichtiger Pufferfunktion
Auch wenn sich die Versorgungsarchitektur durch den Ausbau der LNG-Infrastruktur grundlegend gewandelt hat, fungieren die Speicher nach wie vor als essenzieller Puffer zur Glättung saisonaler Verbrauchsschwankungen und zur Absicherung gegen Lieferunterbrechungen.
Wie sind die Füllstandsvorgaben des Gasspeichergesetzes?
Trotz des Wegfalls der Gasspeicherumlage mit Beginn des Jahres 2026 gibt es nach wie vor gesetzliche Vorgaben zu der Befüllung von Gasspeichern und stichtagsbezogene Vorgaben zu den Speicherfüllständen.
Die Verordnung zur Anpassung der Füllstandsvorgaben für Gasspeicheranlagen (GasSpFüllstV) gibt folgende Füllstandsvorgaben vor:
- am 1. November: zu 80 Prozent
- am 1. Februar: zu 30 Prozent
Die genannten Füllstandsvorgaben gelten für Kavernenspeicher, die den größten Anteil der deutschen Gasspeicherkapazität ausmachen.
Für die vier süddeutschen Porenspeicher (u. a. in Bayern und Baden-Württemberg) gelten abweichende Zielwerte – sie werden aufgrund ihrer geologischen Struktur und Funktion im Netz anders bewertet.
Was passiert, wenn die Füllstandsvorgaben nicht erreicht werden?
Sollten die gesetzlichen Zielwerte durch den freien Markt verfehlt werden, greift ein mehrstufiger Eskalationsmechanismus der Bundesnetzagentur.
Bleibt es dabei, dass Händler aus fehlenden wirtschaftlichen Anreizen nicht ausreichend Gas einspeichern, greift ein gesetzlicher Sicherungsmechanismus: Der Marktgebietsverantwortliche Trading Hub Europe (THE) führt Ausschreibungen für sogenannte Strategic Storage Based Options (SSBO) durch. Bei diesem marktbasierten Instrument erhalten Händler eine Prämie dafür, dass sie sich vertraglich zur Einspeicherung definierter Gasmengen verpflichten – ein Mechanismus, auf den einige Händler gerade spekulieren dürften und der deshalb auch in der Kritik steht.
Werden über die SSBOs die Speicher nicht ausreichend gefüllt, ist der THE ermächtigt, eigenständig als Käufer am Großhandelsmarkt aufzutreten und fehlende Gasmengen direkt einzukaufen. Dies soll als letzte Option die Versorgungssicherheit garantieren, würde aber zu erheblichen Preissteigerungen am Gasmarkt führen.
Krisenvorsorge: Was passiert im Falle einer Gasmangellage?
Stellt die Bundesnetzagentur eine Gasmangellage offiziell fest, tritt der Notfallplan Gas in Kraft. In diesem Fall übernimmt die Bundesnetzagentur die Rolle des Bundeslastverteilers gemäß § 1 Energiesicherungsgesetz (EnSiG) und koordiniert die Verteilung der verbleibenden Gasmengen.
Ziel ist es dabei, den sicheren Betrieb der Netze sowie die Versorgung geschützter Kunden prioritär sicherzustellen, während für industrielle und gewerbliche Verbraucher (RLM-Kunden) verbindliche Reduktionsmaßnahmen angeordnet werden können.
Zu den geschützten Kunden zählen insbesondere:
- Private Haushalte: Alle herkömmlichen Wohnanschlüsse.
- Soziale Dienste: Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Hospize sowie Sicherheitsbehörden (Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr).
- Fernwärme: Anlagen, die geschützte Kunden mit Wärme versorgen und nicht kurzfristig auf andere Brennstoffe ausweichen können.
- KMU (Kleingewerbe): Unternehmen mit Standardlastprofil (SLP), deren Gasverbrauch in der Regel unter 1,5 Mio. kWh pro Jahr liegt.
Strategische Gasreserve als Alternative zu starren Quoten?
Angesichts der aktuell niedrigeren Speicherstände und der Kritik an den Füllstandsvorgaben rückt eine neue systemische Komponente in den Fokus: Die Einführung einer strategischen Gasreserve.
Im Gegensatz zu den stichtagsbezogenen Füllstandsvorgaben des Gasspeichergesetzes, die von Marktteilnehmern oft als starr empfunden werden, würde eine strategische Reserve als gezieltes Sicherheitsnetz fungieren. Solch eine Gasreserve würde gezielt für außergewöhnliche Marktlagen vorgehalten werden.
Offen ist allerdings die Frage nach der Finanzierung der strategischen Gasreserve. Im Gespräch sind hier eine Umlage sowie eine Haushaltsfinanzierung.
Hintergrund: Das Vorbild der strategischen Ölreserve
Die Überlegungen der Bundesnetzagentur lehnen sich an ein Modell an, das sich in Deutschland seit Jahrzehnten bewährt hat: die strategische Ölreserve, basierend auf dem Erdölbevorratungsgesetz - ErdölBevG .
Organisiert durch den Erdölbevorratungsverband (EBV), müssen in Deutschland gesetzlich Vorräte an Erdöl und Erdölerzeugnissen für 90 Tage vorgehalten werden. Diese Reserve dient ausschließlich dazu, physische Versorgungsstörungen zu überbrücken. Finanziert wird dies über einen geringen Beitrag pro Liter (EBV-Beitrag), den Marktteilnehmer, wie zum Beispiel Mineralölunternehmen, abführen und der in der Regel an die Endverbraucher weitergegeben wird.
Ein ähnliches Modell für den Gasmarkt würde den Übergang von einer rein marktgesteuerten Speicherung hin zu einer staatlich kontrollierten Sicherheits-Vorsorge markieren, um die nationale Versorgungssicherheit unabhängig von kurzfristigen Preissignalen zu garantieren.
Über EHA
Die EHA Energie-Handels-Gesellschaft ist der Energiedienstleister für Unternehmen mit vielen Standorten. Als verlässlicher Partner in allen Energiethemen bieten wir ein breites Spektrum an Services und Mehrwerten, die immer genau auf die Bedürfnisse unserer Kunden zugeschnitten sind.