Kraftwerksstrategie Deutschland: Neue Gastkraftwerke als Brücke in ein klimaneutrales Stromsystem

Kraftwerksstrategie Deutschland: Gastkraftwerke als Brücke in ein klimaneutrales Stromsystem
Bildquelle: owngarden / www.gettyimages.com

Die Bundesregierung ist aktuell dabei, die Weichen für die deutsche Energielandschaft der kommenden Jahrzehnte zu stellen: Nachdem sie sich im Januar mit der EU-Kommission auf die Eckpunkte einer neuen Kraftwerksstrategie für Deutschland geeinigt hat, wurde Ende April 2026 ein Entwurf für ein „Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz“ beschlossen.

Mit dem neuen Gesetz soll, im Wortlaut: „[…] sichergestellt werden, dass auch in Zukunft ausreichend flexible Kapazitäten auf dem Strommarkt verfügbar sind. So soll weiterhin eine stabile Versorgung im Stromsystem jederzeit gewährleistet bleiben – auch wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ausschreibung ab 2026: In den nächsten zwölf Monaten soll der Zubau von elf Gigawatt (GW) neuer steuerbarer Leistung ausgeschrieben werden – weitere Ausschreibungen sollen in den Jahren 2027 und 2029 erfolgen
  • H2-Ready als Standard: Neue Gaskraftwerke müssen von Beginn an wasserstofffähig sein und zwischen 2035–2045 vollständig dekarbonisiert laufen.
  • Zieldreieck im Fokus: Die Strategie adressiert die Balance zwischen Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit.
  • Kapazitätsmarkt ab 2031: Ein neuer Marktmechanismus soll ab 2031 die reine Vorhaltung von Leistung vergüten und so Investitionsrisiken senken.

Zusammen mit unserem Geschäftsführer Jan-Oliver Heidrich haben wir die neue Kraftwerksstrategie für diesen Artikel unter die Lupe genommen und das Vorhaben eingeordnet.

Grundsätzlich ist es natürlich richtig und wichtig, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Die Diskussion darüber, ob es acht, zehn oder doch 20 GW neue steuerbare Leistung sein müssen, ist aber eine Gespensterdebatte. Wir wissen nicht, wie sich der Strombedarf wirklich entwickeln wird. Wir wissen nicht, wie sich der Zubau von Wärmepumpen, E-Mobility oder Stromspeichern entwickeln wird. Wir wissen nicht, wie sich Import und Export entwickeln werden.

Wir sollten einfach anfangen und uns vortasten: Jetzt die ersten Kraftwerke ausschreiben, um die langen Planungs- und Bauzeiten zu berücksichtigen, statt das perfekte Zielbild am Reißbrett zu entwerfen, während uns die Zeit davonläuft.

Jan-Oliver Heidrich, Geschäftsführer EHA

Die neue Kraftwerksstrategie im Detail

Um die Versorgungssicherheit auch dann zu gewährleisten, wenn die Erneuerbaren nicht genügend Strom produzieren, sollen ab 2026 neue steuerbare Kapazitäten ausgeschrieben werden.

Was sind „steuerbare Kapazitäten“ im Kontext der Gaskraftwerke?

Im Kern der Kraftwerksstrategie steht der Ausbau sogenannter steuerbarer Kapazitäten. Während Wind- und Solarenergie „dargebotsabhängig“ sind, beschreibt Kapazität bei Gaskraftwerken oder Batteriespeichern die maximal verfügbare elektrische Leistung, die quasi auf Knopfdruck bereitgestellt werden kann.

Bereitschaft statt Dauerbetrieb: Kapazität ist in diesem Sinne die „Einsatzreserve“. Die neuen Anlagen sollen als Backup dienen, um die Energieversorgung in Dunkelflauten zu stabilisieren.

Struktur der Ausschreibungen

Die Bundesregierung plant, die Ausschreibungen in mehrere Segmente zu unterteilen, um technologieoffen sowohl technische Innovationen als auch bewährte Gaskraftwerkstechnologie zu fördern.

Das Ausschreibungsvolumen verteilt sich auf unterschiedliche Schwerpunkte:

  • Im Jahr 2026 sollen über zwei Runden zunächst insgesamt neun Gigawatt an neuen Langzeitkapazitäten („Ausschreibung für Langzeitkapazitäten“) ausgeschrieben werden. Diese Kraftwerke müssen in der Lage sein, mindestens zehn Stunden am Stück ihre volle Leistung zu erbringen, um auch in langen Phasen schwacher Wind- und Solarstromeinspeisung ausreichend Stromkapazität zu gewährleisten.
  • Im Jahr 2027 soll dann eine Ausschreibung für weitere zwei Gigawatt-Erzeugungskapazitäten erfolgen: offen für alle Technologieklassen (Kraftwerke, Speicher und flexible Lasten), und an der sowohl Neuanlagen als auch Bestandsanlagen teilnehmen können („Ausschreibungen für Kapazitäten“).
  • Im Herbst 2029 erfolgt bei Bedarf eine weitere Ausschreibung für zusätzliche Kapazitäten, die auf Basis des dann jüngsten Versorgungssicherheitsmonitorings der Bundesnetzagentur bestimmt werden.

Regional-Quote: 1/3 Nord vs. 2/3 Süd

Die neuen Kraftwerkskapazitäten sollen geografisch aufgeteilt werden: Ein Drittel geht in den netztechnischen Norden und Osten, zwei Drittel fließen gezielt in den Süden.

Warum das wichtig ist:

  • Verbrauchsnähe: Im Süden sitzen die größten industriellen Verbrauchszentren. Fällt bei einer Dunkelflaute der Windstrom aus dem Norden weg, sollen die Kraftwerke im Süden die Versorgung direkt vor Ort absichern.
  • Kostenbremse: Die lokale Erzeugung im Süden soll Engpässe beim Stromtransport von Nord nach Süd verhindern, was teure Notfalleingriffe der Netzbetreiber (Redispatch) reduzieren und die Netzentgelte für Unternehmen langfristig stabil halten soll.

Transformation zum Wasserstoffbetrieb

Ein zentraler Aspekt für den Klimaschutz ist der verbindliche Dekarbonisierungspfad. Die Anlagen sollen zunächst mit Erdgas betrieben werden, müssen jedoch spätestens bis 2045 klimaneutral sein.

Erste Anlagen mit zwei Gigawatt Kraftwerksleistung sollen bereits bis 2040 vollständig dekarbonisiert arbeiten.

Status quo: Warum die aktuellen Gaskraftwerke nicht ausreichen

In Deutschland sind laut Bundesnetzagentur Gaskraftwerke mit einer Nettonennleistung von knapp 30,2 GW an Gaskraftwerksleistung in Betrieb (Stand November 2025).

Obwohl dies eine beachtliche Kapazität ist, steht das System vor einer doppelten Herausforderung, die den geplanten Zubau laut Bundesregierung unumgänglich macht:

  • Der Kohleausstieg: Mit dem schrittweisen Abschied von der Kohleverstromung (gesetzlich spätestens für das Jahr 2038 beschlossen) fallen große Mengen an steuerbarer Grundlast aus dem Netz. Die bestehenden Gaskraftwerke können diese Lücke allein nicht füllen.
  • Fehlende Wasserstofffähigkeit: Ein Großteil des aktuellen Bestands ist für den reinen Erdgasbetrieb optimiert. Für eine echte Energiewende werden jedoch Kraftwerke benötigt, die H2-ready sind – also kurzfristig auf grünen Wasserstoff umgestellt werden können, um die Klimaziele zu erreichen.
  • Geografisches Ungleichgewicht: Viele bestehende Anlagen befinden sich im Westen und Norden. Um das Netz stabil zu halten, müssen neue Kapazitäten strategisch dort entstehen, wo die Last am höchsten ist – insbesondere in Süddeutschland.

Kurzum: Der derzeitige Kraftwerkspark ist ein Auslaufmodell der fossilen Ära. Die Energiewende benötigt laut Bundesregierung entsprechend ein hochmodernes, wasserstofffähiges Sicherheitsnetz, um die fluktuierende Einspeisung von Wind und Sonne jederzeit abfedern zu können.

Auswirkungen auf das energiepolitische Zieldreieck

Die Gaskraftwerksstrategie soll das fehlende Puzzlestück sein, um die Energiewende für den Industriestandort Deutschland abzusichern.

Dimension Strategische Bedeutung
Versorgungssicherheit Die neuen steuerbare Leistungen bieten die notwendige Flexibilität, um fluktuierende Erneuerbare Energien (Wind/PV) jederzeit auszugleichen.
Klimaschutz Dekarbonisierungspfad: Durch den klimaneutralen Betrieb oder die Umstellung auf grünen Wasserstoff wird die Stromerzeugung langfristig CO2-frei.
Wirtschaftlichkeit Preisstabilität: Ein marktbasiert geplanter Kapazitätsmarkt soll durch gesicherte Vergütungen das Preisrisiko für Investoren reduzieren und langfristig die Strompreise stabilisieren.

Wie ein Kapazitätsmarkt die Preise stabilisieren soll

Bisher basiert der deutsche Strommarkt auf dem „Energy-Only“-Prinzip: Erlöse werden primär erzielt, wenn tatsächlich Strom produziert wird. Da Backup-Kraftwerke jedoch oft stillstehen, müssten sie sich über hohe Preisspitzen in Knappheitszeiten refinanzieren.

Der geplante Kapazitätsmarkt soll diese Logik verändern: Betreiber sollen eine gesicherte Vergütung allein dafür erhalten, dass sie die Leistung bereitstellen. Dies soll das Investitionsrisiko senken und Preisausschläge am Markt dämpfen.

Finanziert werden soll dies durch eine neue Abgabe für Versorgungssicherheit, die sogenannte Kapazitätsprämie.

Eine weitere Abgabe auf den Strompreis ist für Verbraucher und Unternehmen eigentlich eine Katastrophe, denn die Belastungsgrenze ist längst erreicht.

Wenn die Kapazitätsprämie jedoch die Versorgungssicherheit garantiert, können wir mit ihr leben, sofern im Gegenzug bestehende Umlagen wie die Offshore-Netzumlage, die § 19 StromNEV-Umlage (Aufschlag für besondere Netznutzung) oder die KWK-Umlage konsequent reduziert werden.

Wir verwehren uns nicht gegen eine notwendige Finanzierung der Energiewende, aber es kann nicht sein, dass neue Lasten immer nur oben draufgeschlagen werden, ohne das bestehende System zu entlasten.

Jan-Oliver Heidrich, Geschäftsführer EHA

In unserem Artikel zum energiepolitischen Zieldreieck erläutern wir detailliert, warum die Balance zwischen Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit das Fundament jeder nachhaltigen Energiestrategie bildet.

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Bedeutung der Kraftwerksstrategie für Multi-Site-Unternehmen?

Für Multi-Site-Unternehmen ergeben sich durch die Kraftwerksstrategie potenziell folgende Vorteile:

  • Netzentgeltstabilität: Durch den gezielten Zubau von Kapazitäten an strategisch wichtigen Netzknoten kann voraussichtlich der Aufwand für die Kraftwerkseinsatzplanung insbesondere die Redispatch-Maßnahmen reduziert werden. Dies soll langfristig die Netzentgelte dämpfen.
  • Planbare Beschaffungskosten: Die Strategie flankiert Maßnahmen wie den Industriestrompreis und die Senkung der Stromsteuer, was den gesamten Standort Deutschland mit Blick auf die Industriestrompreise in Europa wettbewerbsfähiger machen soll.
  • Versorgungssicherheit für kritische Infrastruktur: Unternehmen, die auf eine unterbrechungsfreie Stromversorgung angewiesen sind (z. B. Kühlketten), profitieren von der garantierten steuerbaren Leistung im System.

Herausforderungen und Unsicherheiten

Trotz der strategischen Bedeutung der Kraftwerksstrategie gibt es kritische Stimmen, die vor allem die Realisierbarkeit und die potenziellen Kosten hinterfragen:

  • Zweifel an der Wasserstoff-Verfügbarkeit: Der Erfolg des Dekarbonisierungspfades hängt maßgeblich von einer noch nichtexistierenden Wasserstoff-Infrastruktur und ausreichenden Mengen an bezahlbarem grünem Wasserstoff ab.
  • Finanzielle Belastung: Da die gesicherte Vergütung im Kapazitätsmarkt letztlich gegenfinanziert werden muss, kann dies zu einer zusätzlichen Belastung der Strompreise führen, falls der Marktmechanismus nicht hocheffizient ausgestaltet wird.
  • Technologische Hürden: Die Umstellung großer Kraftwerkseinheiten auf 100 % Wasserstoff im industriellen Maßstab dürfte technisch anspruchsvoll werden und bisherige Erfahrungen aus Pilotprojekten müssen erst noch skaliert werden.

Unser Fazit: Die neue Kraftwerksstrategie ist ein sinnvoller Schritt

Die Kraftwerksstrategie ist grundsätzlich ein sinnvoller Schritt, um das Zieldreieck der Energiepolitik in Einklang zu bringen.

Doch wenn Deutschland als wettbewerbsfähiger Industriestandort bestehen soll, muss eins sichergestellt sein: Strom muss an 8.760 (in Schaltjahren an 8.784) Stunden pro Jahr bedarfsgerecht und zuverlässig zur Verfügung stehen.

Wenn im Zuge des Kohleausstiegs planmäßig bestehende Kraftwerke abgeschaltet werden, müssen die neu gebauten Anlagen diese Lücke schließen. Sie müssen diese Daueraufgabe nicht nur emissionsarm, sondern auch preiswert und mit der notwendigen Frequenzstabilität (der konstanten Einhaltung von 50 Hertz im Netz) sicherstellen.

Während vor allem die technische Machbarkeit der Wasserstoff-Umstellung, der zeitliche Horizont der Realisierung und die Kostenrisiken durch den EU-CO2-Grenzausgleich (CBAM) für netz- und infrastrukturrelevante Rohstoffe noch Fragen aufwerfen, bietet der Plan die dringend benötigte Perspektive für einen stabilen Strommix nach dem Kohleausstieg.

Prüfsteine für die neue Kraftwerksstrategie

Für das Energiemanagement in Industrie und filialisiertem Handel ergeben sich daraus aus unserer Sicht klare Prüfsteine:

  • Die Viertelstundenpreise am Strom-Spotmarkt als entscheidender Indikator: Hier erkennen wir schon heute an Preisspitzen in Knappheitszeiten sowie an sehr niedrigen oder negativen Preisen bei Überangebot, wo die Stromversorgung nur noch mit Mühe bedarfsgerecht und nicht mehr preiswert darstellbar ist. Die neue Kraftwerksstrategie muss zwingend sicherstellen, dass diese Preisextreme künftig nicht weiter zunehmen.
  • Versorgungssicherheit muss gewährleistet sein: Kontrollierte Stromausfälle oder ungeplante Lastabwürfe, wie sie teilweise in anderen europäischen Ländern (beispielsweise Spanien) als Marktreaktion auftreten, sind für die deutsche Wirtschaft keine akzeptable Lösung.
Über die Autoren

Das EHA Redaktionsteam vereint Fachwissen aus Energiepraxis, Marktbeobachtung und Regulierung sowie Erfahrung in Energiedatenanalyse, Beratung und der verständlichen Aufbereitung komplexer Energiethemen.

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