Der Strommarkt in Deutschland und seine Produkte

Die Nutzung von Strom ist ein wesentliches Element der modernen Industriegesellschaft. Dass ständig Strom bedarfsgerecht zur Verfügung steht, wird als selbstverständlich vorausgesetzt – hierfür sorgen der Strommarkt in Deutschland und seine Akteure.

Produkte am Strommarkt in Deutschland
Bildquelle: iStock

Die Hintergrundprozesse auf dem Strommarkt – inklusive dem Stromhandel – bleiben den meisten Nutzern verborgen, spielen für Berufsbilder wie den Energiemanager aber eine entscheidende Rolle. Hierzu gehört auch das Wissen über die Produkte, die am Strommarkt gehandelt werden.

Der Lastgang als Basis für die Prognose des Stromverbrauchs

Strom ist in großen Mengen bislang nicht wirtschaftlich speicherbar. Für eine sichere Stromversorgung ist es deshalb notwendig, dass jederzeit die Menge an Strom produziert wird, die von den Verbrauchern benötigt wird.

Die kleinste Zeiteinheit, in welcher der Verbrauch der Kunden und die Lieferung durch den Versorger bilanziert werden und im Gleichgewicht sein müssen, ist die Viertelstunde. Der Bedarf der Kunden im Tages-, Wochen und Jahresverlauf wird auf Basis des Verbrauchs der letzten 12 Monate ermittelt.

Für Verbrauchstellen mit einem Jahresverbrauch von über 100.000 kWh besteht die Pflicht zur registrierenden Leistungsmessung (RLM). Dafür muss die Verbrauchsstelle mit einem sogenannten RLM-Zähler ausgestattet sein. Über diesen Zähler wird das individuelle Verbrauchsverhalten pro Viertelstunde über 12 Monate (Lastgang) gemessen, das als Basis für die Verbrauchsprognose dient.

Für Stromverbraucher, die unter den Schwellenwert für den Verbrauch von 100.000 kWh pro Jahr fallen, wird nur die verbrauchte Jahresmenge erfasst. Der Stromverbrauch muss deshalb über das sogenannte Standardlastprofilverfahren (SLP) prognostiziert werden.

Für die SLP-Anlagen stellen die Netzbetreiber entsprechend dem Verbrauchsverhalten und dem Anlagentyp verschiedene Standardlastprofile zur Verfügung, auf deren Basis die Lieferanten den Verbrauch der Anlagen im Jahresverlauf kalkulieren können.

Ziel der Verbrauchsprognosen ist es, in jeder Viertelstunde möglichst genau die benötigte Strommenge zu liefern. Dies ist nur erreichbar, wenn dem Versorger die Lastgänge aller RLM-Anlagen und die Jahresverbrauchsmengen sämtlicher SLP-Anlagen vorliegen.

Strukturierung des Strombedarfs in marktgängige Produkte

Wurde schließlich eine Stromprognose erstellt, so muss diese im nächsten Schritt in handelbare Standardprodukte zerlegt werden.

Terminmarkt

Für die Deckung des Strombedarfs in der Zukunft stehen zwei Arten von physisch gelieferten Terminmarkt-Produkten (Forwards) zur Verfügung: Base (Grundlast-Strom) und das in Relation dazu teurere Peak (Spitzenlast-Strom).

Peak ist teurer als Base, weil für dessen Produktion auf zusätzliche, teurere Kraftwerke (z. B. Gaskraftwerke) zurückgegriffen wird.

Base- und Peak-Kontrakte können für verschiedene Zeiträume gehandelt werden. Am Terminmarkt sind das vor allem Jahres-, Quartals- oder Monatsprodukte. Sie werden typischerweise in ganzen Megawatt (MW) gehandelt.

Base entspricht einer Lieferung mit gleichbleibender Leistung (in MW) über den gesamten Lieferzeitraum hinweg.

Peak ist eine Lieferung mit konstanter Leistung jeweils von Montag bis Freitag von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends; das gilt auch für Feiertage, die auf einen Wochentag fallen.

Base und Peak-Produkte dienen der langfristigen Preisabsicherung. Für die exakte Abdeckung des Bedarfs pro Viertelstunde sind sie allerdings zu grob.

Spotmarkt

Vor der Lieferung muss aus den eckigen Terminmarkt-Klötzen (wie in der Grafik unten zu sehen) eine sanfte, bedarfsgerechte viertelstündliche Kurve geformt werden. Dieser Aufgabe dienen die sogenannten Spotmärkte, auf denen Strom für den oder die nächsten Tage oder Stunden gehandelt wird.

Spothandelsprodukte sind vor allem einzelne Stunden und Viertelstunden, die separat gehandelt werden. Der Verschnitt (Verkauf) und der zusätzliche Bedarf (Kauf) zwischen Viertelstunden-Prognose und Terminmarktprodukten werden kurz vor Lieferung an den Spotmarkt gestellt, wobei die kleinste Menge 0,1 MW (= 100 kW) sind.

Nach dem Spothandel stehen dem Lieferanten genau die Strommengen zur Verfügung, die er für seine Kunden prognostiziert hat.

Die Produkte im Zusammenhang mit dem Lastgang

Die folgende Grafik verdeutlicht, wie die Produkte und der Lastgang einer Verbrauchsstelle miteinander im Zusammenhang stehen.

Der Strombedarf ist gekennzeichnet durch die fortlaufende Linie und es ist beispielsweise zu erkennen, dass die Verbrauchsstelle wochentags (Montags bis Freitags) und tagsüber am meisten Strom benötigen.

Wochentags wird der größte Teil des Bedarfs über Base sowie den Peak gedeckt. An den Wochentagen lässt sich außerdem erkennen, dass vor acht Uhr morgens bzw. nach acht Uhr abends regelmäßig mehr Strom benötigt wird, als über den Einkauf von Base gedeckt wird. Dieser zusätzliche Bedarf wird über Single Hours (Stundeneinkauf) gedeckt.

Lastgang Peak - Base

 

Genaue Prognose schützt vor Ausgleichszahlungen

Stimmt die Prognose des Verbrauchs – der prognostizierte Lastgang – und damit die Liefermenge nicht mit dem tatsächlichen Verbrauch überein, sorgt der Netzbetreiber für den Ausgleich der Mehr- oder Minderverbräuche. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn der Netzbetreiber lässt sich diesen Ausgleich über Ausgleichszahlungen bezahlen.

So ist es also nicht nur wichtig möglichst genau vorherzusagen, wann zusätzlich zum Base- und Peakload Strom auf Stundenbasis zugekauft werden muss, sondern auch wann voraussichtlich die Liefermenge die benötigte Menge überschreiten könnte. Die voraussichtlich überschüssige Menge kann vor der Lieferung wiederverkauft werden.

Da die Prognose nie zu 100% die Realität abbilden kann, fallen letztendlich immer Ausgleichszahlungen an. Hier gilt also: Umso besser die Prognose, desto weniger Ausgleichszahlungen an den Netzbetreiber fallen an.

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