Stromhandel: Einblicke in den Handel mit Strom

Aktualisiert

Handel am Strommarkt

Die Beschaffung von Strom auf dem Großhandelsmarkt ist für uns als Energiedienstleister ein „daily business“. Ständig beobachten wir die Entwicklungen und können dadurch schnell reagieren mit dem Ziel für unsere Kunden Preise unterhalb des Marktdurchschnitts zu erzielen.

Wie der Stromhandel funktioniert, welche Besonderheiten es beim Handel mit Strom gibt und mehr, erklären wir in diesem Beitrag:

Herausforderungen beim Stromhandel

Der Handel mit Strom wird bestimmt durch eine Eigenart der Handelsware: Strom ist nur sehr begrenzt speicherbar. Und die Energieerzeugung folgt immer den zeitlichen Schwankungen des Stromverbrauchs.

Daher wird mit Energiemengen gehandelt, die noch gar nicht produziert sind.

Dies lässt sich beispielhaft in der folgenden Grafik gut erkennen, welche die erzeugte und die benötigte Strommenge in Deutschland für den Zeitraum zwischen dem 14. und 24.01.2022 gegenüberstellt.

Stromerzeugung und Verbrauch in Deutschland

Stromerzeugung und Verbrauch in Deutschland
© Bundesnetzagentur | SMARD.de

Deutlich zu erkennen ist, dass es sowohl Zeiten gibt, in denen in Deutschland zu viel – die rote Linie liegt oberhalb der realisierten Stromerzeugung – als auch zu wenig Strom erzeugt wird.

Diese Überangebote bzw. Defizite im Angebot werden durch Im- und Exporte gedeckt. In Zeiten eines Überangebots an Energie steigen die Exporte und vice versa.

Der Regelenergiemarkt

Zum Ausgleich unvorhergesehener kurzfristiger Schwankungen im Stromnetz, weil Produktion und Verbrauch nicht perfekt zusammenpassen, wird Regelenergie benötigt. Sie soll verhindern, dass Netze überlastet werden und die Versorgung ausfällt.

Zur Sicherstellung der Netzstabilität schreiben die Übertragungsnetzbetreiber auf dem separaten Regelleistungsmarkt, einer Online-Plattform, die Strommenge aus, die sie zum jeweiligen Zeitpunkt benötigen könnten. Anbieter von Regelenergie sind vor allem die Stromproduzenten. Diese greifen auf die Regelenergieverträge operativ nur in dem Umfang zurück, der notwendig ist, um das Netz zu niedrigsten Kosten stabil zu halten.

Wie funktioniert der Stromhandel? OTC- oder außerbörslicher Stromhandel?

Das Gros der Geschäfte mit elektrischer Energie, ca. 75% der gesamten Handelsmenge, läuft in Deutschland im sogenannten OTC-Handel. Der „Over-the-Counter-Handel” erfolgt meist direkt zwischen Anbietern und Käufern, manchmal auch vermittelt von Brokern auf elektronischen Plattformen.

„Über den Tresen“ gehen bei diesen außerbörslichen Geschäften die Ausschreibungen regionaler und überregionaler Energieversorger.

Diese bilateralen Geschäfte sind nicht öffentlich einsehbar und die dort zustande kommenden Preise orientieren sich in der Regel an denen der offiziellen Strombörsen.

Stromhandel an der Strombörse

Die Strombörsen sind Marktplätze für elektrische Energie mit strikten Regelwerken, an denen standardisierte Strom-Produkte gehandelt werden.

Wie funktioniert die Strombörse?

An den Strombörsen stehen sich die Anbieter und die Nachfrager in Reihenfolge der Höhe ihrer Gebote gegenüber. Die günstigsten Angebote erhalten zuerst den Zuschlag und die Nachfrager mit dem höchsten Gebot werden an erster Stelle berücksichtigt.

Die für Deutschland bedeutendsten Strombörsen, sind die Leipziger EEX (European Energy Exchange) und die Pariser EPEX (European Power Exchange).

Wer kann an der Börse Strom handeln?

Lohnen tut sich der Stromhandel an der Börse wirtschaftlich nur für sehr große Unternehmen, welche die folgenden Anforderungen erfüllen:

In der Regel ist es für Unternehmen deutlich lukrativer, über ihren spezialisierten Stromanbieter für Unternehmen am börslichen Stromhandel teilzunehmen.

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Der Lastgang als Basis für die Prognose des Stromverbrauchs

Da Strom bislang nicht wirtschaftlich in großen Mengen speicherbar ist, ist es für eine sichere Stromversorgung notwendig, dass jederzeit die Menge an Strom produziert wird, die von den Verbrauchern benötigt wird.

Die kleinste Zeiteinheit, in welcher der Verbrauch der Kunden und die Lieferung durch den Versorger bilanziert werden und im Gleichgewicht sein müssen, ist die Viertelstunde. Der Bedarf der Kunden im Tages-, Wochen und Jahresverlauf wird auf Basis des Verbrauchs der letzten 12 Monate ermittelt.

Registrierende Leistungsmessung für Großverbraucher

Für Verbrauchstellen mit einem Jahresverbrauch von über 100.000 kWh besteht die Pflicht zur registrierenden Leistungsmessung (RLM). Dafür muss die Verbrauchsstelle mit einem sogenannten RLM-Zähler ausgestattet sein. Über diesen Zähler wird das individuelle Verbrauchsverhalten pro Viertelstunde über 12 Monate (Lastgang) gemessen, das als Basis für die Verbrauchsprognose dient.

Das Standartlastprofilverfahren für Jahresverbrauch unter 100.000 kWh

Für Stromverbraucher, die unter den Schwellenwert für den Verbrauch von 100.000 kWh pro Jahr fallen, wird nur die verbrauchte Jahresmenge erfasst. Der Stromverbrauch muss deshalb über das sogenannte Standardlastprofilverfahren (SLP) prognostiziert werden. Für die SLP-Anlagen stellen die Netzbetreiber entsprechend dem Verbrauchsverhalten und dem Anlagentyp verschiedene Standardlastprofile zur Verfügung, auf deren Basis die Lieferanten den Verbrauch der Anlagen im Jahresverlauf kalkulieren können.

Zielsetzung der Verbrauchsprognosen

Ziel der Verbrauchsprognosen ist es, in jeder Viertelstunde möglichst genau die benötigte Strommenge zu liefern. Dies ist nur erreichbar, wenn dem Versorger die Lastgänge aller RLM-Anlagen und die Jahresverbrauchsmengen sämtlicher SLP-Anlagen vorliegen und es auf Seiten der Verbraucher wenig abweichendes Verbrauchsverhalten gibt.

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Produkte am Strommarkt

Wurde eine Stromprognose erstellt, so muss diese im nächsten Schritt in handelbare Standardprodukte zerlegt werden.

Der Terminmarkt – für die langfristige Preisabsicherung

Die langfristigen Geschäfte mit Strom werden entweder „OTC“ oder auf organisierten Terminmärkten wie an der Leipziger EEX (European Energy Exchange) getätigt.

Hier werden sogenannte Strom-Futures, verbindliche Terminkontrakte, zur Preisabsicherung für Lieferzeitpunkte zwischen einer Woche und sechs Jahren gehandelt. Die wichtigsten Produkte sind die standardisierten Monats-, Quartals- oder Jahreskontrakte Base und Peak.

Käufer nutzen den Terminmarkt, um sich gegen steigende Preise abzusichern. Verkäufer, z. B. Stromproduzenten, schützen sich hier gegen fallende Preise.

Base und Peak

Für die Deckung des Strombedarfs in der Zukunft stehen zwei Arten von physisch gelieferten Terminmarkt-Produkten (Forwards) zur Verfügung: Base (Grundlast-Strom) und das in Relation dazu teurere Peak (Spitzenlast-Strom).

Peak ist teurer als Base, weil für dessen Produktion auf zusätzliche, teurere Kraftwerke (z. B. Gaskraftwerke) zurückgegriffen wird.

Base- und Peak-Kontrakte können für verschiedene Zeiträume gehandelt werden. Am Terminmarkt sind das vor allem Jahres-, Quartals- oder Monatsprodukte. Sie werden typischerweise in ganzen Megawatt (MW) gehandelt.

Base entspricht einer Lieferung mit gleichbleibender Leistung (in MW) über den gesamten Lieferzeitraum hinweg.

Peak ist eine Lieferung mit konstanter Leistung jeweils von Montag bis Freitag von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends; das gilt auch für Feiertage, die auf einen Wochentag fallen.

Base und Peak-Produkte dienen der langfristigen Preisabsicherung. Für die exakte Abdeckung des Bedarfs pro Viertelstunde sind sie allerdings zu grob. 

Der Spotmarkt für den kurzfristigen Handel

Zur Abbildung des tatsächlichen Verbrauchsverhaltens der Kunden muss die langfristige Beschaffung von Grundlast- und Spitzenlast-Bandlieferungen am Terminmarkt kurz vor der Lieferung mit Stunden- und Viertelstundenprodukten am sogenannten Spotmarkt ergänzt werden.

Auf dem Spotmarkt wird Strom für den oder die nächsten Tage oder Stunden gehandelt. Spothandelsprodukte sind vor allem einzelne Stunden und Viertelstunden, die separat gehandelt werden.

Der Verschnitt (Verkauf) und der zusätzliche Bedarf (Kauf) zwischen Viertelstunden-Prognose und Terminmarktprodukten werden kurz vor Lieferung an den Spotmarkt gestellt, wobei die kleinste Menge 0,1 MW (= 100 kW) sind.

Nach dem Spothandel stehen dem Lieferanten genau die Strommengen zur Verfügung, die er für seine Kunden prognostiziert hat.

Day-Ahead- & Intraday-Markt

Der Spotmarkt gliedert sich in zwei Teilmärkte, den Day-Ahead- und den Intraday-Markt.

Auf dem Day-Ahead-Markt werden täglich Strom-Auktionen für jede Stunde des Folgetags durchgeführt. Die Gebote müssen bis mittags bei der Börse eingegangen sein.

Auf dem Intraday-Markt werden Käufe und Verkäufe für Strom getätigt, der noch am selben Tag geliefert wird.

Die Produkte im Zusammenhang mit dem Lastgang

Die folgende Grafik verdeutlicht, wie die Produkte und der Lastgang einer Verbrauchsstelle miteinander im Zusammenhang stehen.

Der Strombedarf ist gekennzeichnet durch die fortlaufende Linie und es ist beispielsweise zu erkennen, dass die Verbrauchsstelle wochentags (montags bis freitags) und tagsüber am meisten Strom benötigen.

Wochentags wird der größte Teil des Bedarfs über Base sowie den Peak vom Terminmarkt gedeckt. An den Wochentagen lässt sich außerdem erkennen, dass vor acht Uhr morgens bzw. nach acht Uhr abends regelmäßig mehr Strom benötigt wird, als über den Einkauf von Base gedeckt wird. Dieser zusätzliche Bedarf wird über Single Hours (Stundeneinkauf) vom Spotmarkt gedeckt.

Lastgang

Lastgang

Mehr wissen? Falls Sie mehr über die EHA Beschaffungsstragie erfahren möchte, können Sie das in unserem Artikel „Strombeschaffung“ nachlesen. 

Genaue Prognose schützt vor Ausgleichszahlungen

Stimmt die Prognose des Verbrauchs – der prognostizierte Lastgang – und damit die Liefermenge nicht mit dem tatsächlichen Verbrauch überein, sorgt der Netzbetreiber für den Ausgleich der Mehr- oder Minderverbräuche. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn der Netzbetreiber lässt sich diesen Ausgleich über Ausgleichszahlungen bezahlen.

So ist es also nicht nur wichtig möglichst genau vorherzusagen, wann zusätzlich zum Base- und Peakload Strom auf Stundenbasis zugekauft werden muss, sondern auch wann voraussichtlich die Liefermenge die benötigte Menge überschreiten könnte. Die voraussichtlich überschüssige Menge kann vor der Lieferung wiederverkauft werden.

Da die Prognose nie zu 100% die Realität abbilden kann, fallen letztendlich immer Ausgleichszahlungen an. Hier gilt also: Umso besser die Prognose, desto weniger Ausgleichszahlungen fallen an den Netzbetreiber an. 

Auswirkungen der Erneuerbaren Energien auf den Stromhandel

Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien ergab sich der Bedarf für einen noch kurzfristigeren Handel. Der kontinuierliche Intraday-Markt wurde geschaffen, um den Stromverkauf aus den regenerativen Erzeugungsanlagen den sich ständig ändernden Wind- und Photovoltaik-Prognosen anzupassen. Der Strom für Stunden und Viertelstunden wird bis kurz vor Lieferbeginn gehandelt. Hier werden täglich und rund um die Uhr kurzfristige Überschüsse verkauft und Engpässe kompensiert. Geschäftsabschlüsse sind bis 5 Minuten vor dem Lieferbeginn möglich.

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